Warum genau es in der Gegenwart noch erstrebenswert sein soll, gerade in der Popbranche eine Ausbildung zum Superstar zu absolvieren, erschließt sich nicht wirklich. Einmal abgesehen davon, dass die Erfolgsaussichten eher gering sind und die jungen Leute von heute im Regelfall sowieso lieber YouTube-Influencer für schlechten Humor oder Nagelpflegetipps werden wollen:

Neben den geringen Erlösen aus dem Streaminggeschäft und der Tatsache, dass aktuell das Coronavirus gegen die letzte verbliebene Einnahmequelle im kräftezehrenden Live-Sektor aus ewigen Ochsentouren vorrückt, sind auch die Benefits von seinerzeit null und nichtig. Stichwort: Rauchverbot im Tourbus! Wasserlassen für männliche Mitarbeiter nur mehr im Sitzen! Selbstoptimierung im Hamsterrad und neoliberaler Businesssprech, wo es früher einmal darum ging, Rockstar zu werden, um nicht ins Büro gehen zu müssen. Ernährung? Veggie und low carb statt intravenös, pillenförmig und durch die Nase. Groupies natürlich sowieso Fehlanzeige. Noch bevor es zum Orgasmus kommt, stehst du heute ja schon vor dem Richter!

Am Rand zur Satire

Dass sich die US-Musikerin Caroline Rose nun trotzdem nicht davon abhalten lassen will, zum Sturm des sogenannten "Pop-Olymps" anzusetzen, hat allerdings einen Grund. Die gute Frau meint es ironisch - und bewegt sich auf ihrem aktuellen Album "Superstar" (New West Records) als Fleisch gewordener Hit aus Hipsterhausen ohnehin am Rand zur Satire.

Karriereförderlich ist das gerade in ihrer Heimat freilich nicht. Ironie spielt an der Spitze der US-Charts traditionell eine untergeordnete Rolle. Und auch musikalisch wäre die im Jahr 1989 in New York geborene Sängerin, Songwriterin, Multiinstrumentalistin und Produzentin wahrscheinlich besser beraten, ihren Wurzeln im Country-Fach treu zu bleiben. Immerhin kann man mit der Gitarre im Gepäck zumindest jederzeit in in den Staub gestellten Kaschemmen vor Druck-Drivern spielen, die einem danach gratis den Busfahrer geben. Ein etwas intensiverer Rock-’n’-Roll-Lifestyle ist im entsprechenden Milieu übrigens weiterhin möglich. Zumindest kann man dort noch wie ein Schlot pofeln und sich Whiskey in rauen Mengen gönnen, ohne dafür schiefe Blicke oder die Androhung eines Zwangsurlaubs bei Betty Ford und ihren kranken Schwestern zu ernten.

Hollywood, Florida

Der Wechsel in den Pop-Rock-Bereich erfolgte bei Caroline Rose dann aber vor zwei Jahren mit dem Album "Loner", das gleichzeitig ihren endgültigen Eintritt in die Ironiezone markierte. Das Coverfoto ihrer selbst beim Versuch, sich geschätzte zwanzig Zigaretten auf einmal anzuheizen, kündet davon. Ganz bei sich kommt die Musikerin mit dem roten Stirnband und den weißen, in Richtung Knie hochgezogenen Tennissocken nun aber auf "Superstar" an, bei dem sie zum Auftakt ein Anruf aus dem Chateau Marmont ereilt, der eine Business Opportunity in Aussicht stellt. Durch die Lobby der Hotelinstitution in Los Angeles, wir erinnern uns, brauste einst John Bonham von Led Zeppelin mit seinem Motorrad.

Allerdings berichtet dann bereits das am iPhone gedrehte Musikvideo zur Single "Feel The Way I Want" davon, dass so eine Business Opportunity nicht immer erwartungsgemäß verläuft - und so manches Vorsprechen nicht in Hollywood, Los Angeles, sondern in Hollywood, Florida, über die Bühne geht. Oft sind die Erwartungen von jungen Menschen einfach zu hoch. Und manchmal läuft auch wirklich alles besch . . . eiden.

Musikalisch vorgeturnt wird diese Erzählung mit schillerndem Heimwerkerpop, der nach rotem Lippenstift, Rouge und Paillettenkleid klingt. Zwischen etwas mehr Westcoast-Feeling ("Pipe Dreams") und zeitlosem Synthie-Pop ("Someone New") geht es im Rückblick auf die 1980er Jahre aber sehr gerne auch cheesy zu. Sagen wir so, Stücke wie "Do You Think We’ll Last Forever?" stellen so etwas wie die US-Entsprechung von Ankathie Koi dar.

Am Ende gehen sich damit 38 kurzweilige Spielminuten aus. So wie der Austrofred unser Champion ist, bleibt aber auch Caroline Rose eher ein Superstar für die Nische.