Aktueller Stoff aus dem Fachbereich kommt von My Ugly Clementine, Lou Asril, Sigrid Horn, Good Wilson, Kreiml & Samurai, Crush, Moll oder den Steaming Satellites. Und alle genannten heimischen Acts verbindet der Umstand, dass es zwar beim ursprünglichen Veröffentlichungsdatum ihrer neuen Studioalben bleibt oder geblieben ist, sich aber nicht nur die Covid-19-bedingte Absage ihrer Konzerte und Tourneen mindestens als Belastungsprobe erweist.

Immerhin erwirtschaften Musikschaffende mit dem Live-Geschäft den Großteil ihres Einkommens - nachdem es zuvor darum geht, in die Albumproduktion investierte Etats mit Konzerten erst einmal hereinzuspielen. Von den womöglich in den Sand gesetzten Ausgaben für PR oder Konzertlogistik und der Tatsache, dass die mediale Aufmerksamkeit derzeit anderswo liegt und auch die Kulturberichterstattung entsprechend an Umfang verliert, einmal ganz abgesehen. Man kann sich die Gesamtsituation als Abwärtsspirale vorstellen.

Hypothetischer Geldfluss

Die gute Nachricht: Für musikalische Nahversorgung durch den Handel ist nach wie vor gesorgt. Trotz aktueller Geschäftsschließlungen verweisen so gut wie alle relevanten Plattenläden auf ihre Onlineshops, über die weiterhin bestellt werden kann - womit nicht nur den Kulturschaffenden, sondern auch dem ortsansässigen Fachhandel geholfen ist. Im digitalen Zeitalter sorgen außerdem die Streamingdienste zumindest hypothetisch für Geldfluss und sind Initiativen wie die exklusiv mit Musik aus Österreich bestückte Spotify-Playlist des Labelbetreibers und "Wiener Zeitung"-Kolumnisten Walter Gröbchen gut gemeint. Die Miete bezahlt das allerdings nicht. Auch deshalb rufen My Ugly Clementine auf ihrer Facebook-Seite zum Kauf von physischen Alben auf, an dem die Kulturschaffenden nach wie vor deutlich besser verdienen. Nachsatz: "If buying is not possible, just streaming the shit out of songs on Spotify helps a little as well."

Eine andere Form des Streamings reüssiert dafür vor allem als Marketinginstrument. Die Mostviertler Dialektsängerin Sigrid Horn etwa hat ihr neues Album "I bleib do" am Mittwoch nicht wie geplant im Wiener Rabenhof Theater, sondern live für die Netzgemeinde aus ihrem Wohnzimmer präsentiert. Und auch die Dialektrapper Kreiml & Samurai stellen ihr Album "Auf olle 4re" unter dem zu den Verhältnissen passenden Motto "Auf ollen Viren" am Samstag (21.3.) zunächst mit einem gestreamten Konzert im Internet vor. Das sorgt einerseits für aufrechterhaltenen Kundenkontakt in Zeiten des Social Distancing und andererseits für ein Mehr an Aufmerksamkeit. Die Tour des Duos wurde ja auch einstweilen nicht abgesagt, sondern auf die Herbst-Winter-Saison verschoben (Wien: 26.9., Gasometer).

Kultur-Katastrophenfonds

Den Versuch, mit Videoübertragungen auch Crowdfunding-Einnahmen zu lukrieren, wagt von 27. bis 29. März hingegen das "Homestage Festival", das erste heimische Streaming-only-Festival der Geschichte. Die Veranstaltungsreihe bietet Konzerte, Lesungen, Kabarett und Performances und wartet mit Acts wie Mira Lu Kovacs und Kerosin95 (beide auch in der Supergroup My Ugly Clementine vertreten) sowie James Choice und Younger auf. Mit seiner eigenen Radiokonzert-Schiene, den "Stay at home sessions", unterstützt außerdem FM4 täglich um 19 Uhr die heimische Szene. Und selbst auf Radio 88.6 spielt es nun täglich zwischen 18 und 20 Uhr einen Ausnahmezustand namens österreichische
Musik.

Während der Verzicht auf Konzertticket-Refundierung ein persönlicher Beitrag jedes einzelnen Fans sein kann, wird aus dem Kultur-Katastrophenfonds von AKM und Austro Mechana eine Million Euro für österreichische Musik-Urheberinnern und -Urheber zur Verfügung gestellt. Mit gleichfalls einer Million Euro greift dazu der Verband der österreichischen Musikwirtschaft (IFPI Austria) heimischen Labels unter die Arme. Das ist ein Anfang. In Deutschland plädiert der Verband unabhängiger Musikunternehmer derzeit für einen Hilfsfonds, der 3,9 Milliarden Euro wiegt.

Und in Sachen Eigeninitiative wiederum erklärt die Wiener Band Moll mit dem zur Bewerbung ihres Debütalbums "Musik" (Problembär Records) spontan entstandenen "Daheimbleib-Blues", was man natürlich auch machen kann: Einen Anlasssong schreiben, wie er in seltenen Fällen für Wertschöpfung sorgt, weil er im Netz viral geht wie Covid-19 im echten Leben.