Endlich, endlich ist ein schnödes Image-Defizit im österreichischen Pop beseitigt: Wir haben eine Indie-Supergroup! Und was für eine! All female, ein klassisches Zwei-Gitarren-Bass-Schlagzeug-Format mit klassischem Repertoire, das sich nicht mit eitlen Nichtigkeiten wie "Innovation" oder "zeitgemäße Relevanz" herumschlagen muss, sondern mit Lust und (Spiel-)Laune durch den Fundus des Indie-/College Rock der späten 80er bis mittleren 90er pflügt und dabei von den Pixies bis Garbage alles einsammelt, was des Weges kommt.

Vor etwas mehr als einem Jahr gegründet, wecken My Ugly Clementine gewisse Assoziationen zu den Raconteurs: ein prominent aufgestelltes Freizeit-Projekt als Streicheleinheit für die innere Rocksau. Doch während bei den Raconteurs eigentlich nur zwei Akteure (Jack White und Brendan Benson) das Sagen haben und sich die Band stilistisch auch nicht dramatisch aus deren alltäglichem Aktionsradius hinausbewegt, präsentieren sich My Ugly Clementine als kompaktes Kollektiv mit deutlich anderer musikalischer Ausrichtung, als sie die Protagonistinnen auf eigene Rechnung verfolgen. Eine Frontfrau gibt es nicht; die Lead-Stimmen wechseln unter allen vieren.

Mira Lu Kovacs, die vermutlich bekannteste von ihnen, hat die geringsten solistischen Gesangsteile. Da sie aber ihre hohe, gerne als "sensibel" und "fragil" beschriebene Stimme für ihr Folk-Rock-Trio Schmieds Puls und das nicht minder hochgelobte Freistil-Ensemble 5kHD ohnedies schon ausreichend strapaziert hat, ist diese Zurückhaltung wohl alles andere als ungewollt. Vielmehr wirkt Kovacs bei My Ugly Clementine wie eine musikalische Dramaturgin, die an ihrer E-Gitarre (fast buchstäblich) die Fäden in der Hand hält, melodische Interpunktionen setzt und Dynamiken akzentuiert.

Ins Leben gerufen hat diese Bandkonstellation indes Sophie Lindinger, die mit dem Duo Leyya stimmige Symbiosen aus Electronica, Trip-Hop und einem Hauch von Weltmusik kreiert und so wie Kovacs ihr Zuhause mit zwei Amadeus Awards schmückt. Lindinger schreibt auch sämtliche Songs. Normalerweise an den Synthesizern, bedient sie bei My Ugly Clementine den Bass und teilt sich den größeren Teil der Solostimmen mit Schlagzeugerin Kathrin Kolleritsch. Die Multiinstrumentalistin schlägt seit etwa zwei Jahren bei Schmieds Puls in die Felle, singt und spielt Gitarre in der Grazer Indie-Pop-Band Kaiko. Kolleritsch ist die Einzige des Quartetts, die nicht ausschließlich in englischer Sprache agiert, denn sie führt als Rapperin auch das sehr vielversprechende queer-feministische Projekt KEROSIN95. Dessen Gitarristin und Keyboarderin Nastasja Ronck wiederum teilt mit Kolleritschs Zwillingsschwester Ines in der ebenfalls hörenswerten Groove-trifft-Jazz-trifft-Hip-Hop-Formation Lucid Kid Gesang und Keyboards. Bei My Ugly Clementine macht sie dem Sound mit ihrer schweren Rhythmusgitarre Beine.

Musik schleift sich ein

Dem Debütalbum "Vitamin C" sind etliche Festivalauftritte und Singles im letzten Sommer und Herbst vorangegangen. Dass die Musik sich in dieser Zeit einschleifen konnte, mag mit ein Grund sein, dass die Platte wie aus einem Guss wirkt. Der Gesang führt vor, dass Gefühl eine Frage des Selbstbewusstseins sein kann, der Rhythmus marschiert und die Gitarren fräsen sich die hohe Kante entlang. Einem Song wie "Who" wird man noch in zehn Jahren mit Freude wiedererkennen: Einer dieser eindringlichen, von einer insistenten Leadgitarre getriebenen Rock-Hadern im Stil von Bushs "Swallowed" oder Interpols "Rest My Chemistry", aber schneller und eleganter. Auch in "The Good The Bad The Ugly" zieht die Gitarre eine Fieberspur, und selbst eine langsame Ballade wie "Try Me" hat Grandezza.

Zu einem Teil verdankt "Vitamin C" seine Souveränität auch den Texten. Sie sind auf jeden Fall feministisch in dem Sinn, dass sie zu Macho-Verhaltensweisen, Aufreiß-Schmähs und ähnlichem patriarchalischem Unrat energisch Distanz beziehen. Aber es liegt nichts Verbissenes, keine Wut in solchen Standortbestimmungen. Im Gegenteil, ganz im Hintergrund scheint da ein leises Lachen durchzuklingen: So ist die Welt - ein wenig verrückt, auf jeden Fall nicht immer sehr gescheit.