Um Teenagern heute das Phänomen Nena zu erklären, lohnt der Blick in alte Zeitungen. Sie sei "der scharfe Spritzer Ketchup, den die junge Pommes-frites-Generation gesucht und gefunden hat", schrieb die "Bunte" 1983 über Gabriele Susanne Kerner aus Hagen, genannt Nena. Die "Zeit" schrieb damals über einen Konzertauftritt der Sängerin: "Der Sex scheint aus ihrer Stimme zu tropfen."

Nena schwamm Anfang der 80er Jahre auf der Neuen Deutschen Welle ganz weit oben. Dabei war sie nicht die schrillste Erscheinung der Musikbewegung, aber für viele die begeisterndste. Selbst der jetzige bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der seine Nächte im Kinderzimmer unter Franz-Josef-Strauß-Postern verbrachte, konnte sich dem nicht entziehen. "Wie viele in meiner Generation war ich natürlich schwer in Nena verliebt", verriet Söder einmal.

Nicht ohne mein Schweißband

Nena bei ihrer Comeback-Tour 2010 - © APAWeb /HERBERT PFARRHOFER
Nena bei ihrer Comeback-Tour 2010 - © APAWeb /HERBERT PFARRHOFER

Am 24. März 1960 kam die Sängerin in Hagen zur Welt. Den Namen Nena verdankt sie einem Spanien-Urlaub. Die spanischen Kinder hätten ihr immer "Niña" beziehungsweise "Kleine" hinterher gerufen. Sie selbst habe dann daraus Nena geformt, was ihre Eltern übernommen hätten.

Musik machte sie zunächst als Sängerin der Band The Stripes. Die schaffte es zu einzelnen Fernsehauftritten, der Durchbruch blieb aber aus. Mit ihrem Lebensgefährten Rolf Brendel zog Nena dann nach West-Berlin, gründete mit anderen Musikern die nach ihr benannte Band und stieg furios auf. 1982 wurde Nena in der ARD-Jugendsendung "Musikladen" praktisch über Nacht mit der Single "Nur geträumt" bekannt.

Die für einige energiegeladene, für andere anstrengend aufgekratzte Nena brachte schon als zweite Single Anfang 1983 "99 Luftballons" raus. Das Lied erfasste die Sorgen der Menschen im Kalten Krieg, es wurde weltweit ein Hit. Und Nena wurde zur Stilikone. Ihr wilder Haarschopf oder die flauschigen Schweißbänder an den Handgelenken wurden zum Muss einer Generation.

Zweite Karriere im Fernsehen

Ihre größten Hits stammen aus dieser Zeit. So wie bei den meisten Stars der Neuen Deutschen Welle war der Erfolg aber schlagartig vorbei. 1987 trennte sich die Band, auch Nenas Beziehung zu Brendel scheiterte. 1989 starb ihr behindert zur Welt gekommener Sohn Christopher mit elf Monaten. Nach dem Schicksalsschlag forcierte Nena ihre Solokarriere als Sängerin, moderierte zudem im Fernsehen. Doch der große Erfolg kehrte erst zurück, als sie alte Hits neu einspielte - vor allem ihr "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann" als englischsprachige Version "Anyplace, Anywhere, Anytime" im Duett mit Kim Wilde wurde ein Erfolg.

2005 konnte sie mit neuen Kompositionen nachziehen. "Willst du mit mir gehen" wurde zum Erfolgsalbum, ebenso ihre dazugehörige Single "Liebe ist". Die einst so flippige Nena präsentiert sich mittlerweile gereift, wurde zur viel gefragten Werbefigur und über den Boom der TV-Castingshows auch für die junge Generation wieder ein Begriff. Zusammen mit den Rockern von The Boss Hoss machte Nena das Format "The Voice of Germany" zum Erfolg - 2014 stieg sie dort allerdings wieder aus.

Anders leben

Nena, die nach dem Tod von Christopher noch Zwillinge und dann zwei weitere Kinder mit ihrem langjährigen Lebensgefährten Philipp Palm bekam, vertrat neben ihrer Kunst stets auch alternative Lebensformen. Sie ist schon lange Veganerin, nannte sich einmal einen Fan des Sektenführers Bhagwan und gründete in Hamburg eine eigene Schule.

Mit viel Training und Yoga hält sie sich nach eigenen Worten fit. Auch mit 60 Jahren will sie dabei der Bühne treu bleiben: Von Juni bis Oktober plant sie sechs Konzerte - in der Schweiz, in Tschechien, Dänemark, Österreich und als bisher einziges Konzert in Deutschland im Juli in Rosenheim. Ob diese angesichts der Coronakrise stattfinden werden, muss sich allerdings erst zeigen. (Ralf Isermann/AFP)