Die Kunst, einmal die Klappe zu halten, und, wenn man dann redet, das Richtige zu sagen, sowie das Vermögen, so lange in aller gebotenen Ruhe an etwas zu feilen, bis es auch wirklich passt, stand in unserer schönen neuen Social-Media- und guten alten Hektomatikwelt bis zuletzt bekanntlich eher nicht so hoch im Kurs. Hauptsache laut, viel - und jetzt gleich! Wer es hingegen auch in der Musik gerne langsam, überlegt, detailverliebt und vielleicht die eine oder andere Spur zu grüblerisch hat: Rustin Man ist euer Mann!

Immerhin hat der britische Musiker mit dem bürgerlichen Namen Paul Webb nicht nur als Bassist seiner ehemaligen Band Talk Talk einen eher unkonventionellen Karriereweg genommen, der aus der Pop-Oberliga mit bis heute kanonisierten 80er-Jahre-Hits wie "Such A Shame" oder "It’s My Life" über fragile Kunstlieder mit Mut zur Lücke hinunter zum Geheimtipp führte. Musik für Feinspitze.

Aus der Zeit gefallen

Sieben Jahre nach dem 1991 erfolgten Bandaus erschien von Mastermind und Sänger Mark Hollis noch ein am Rande zum Verstummen angesiedeltes Soloalbum, ehe er im Februar 2019 nach einer 21-jährigen Phase des Rückzugs und der Funkstille als vielleicht größtes Enigma der Popgeschichte verstarb. Paul Webb wiederum verdingte sich, abgesehen von Arbeiten mit seinem ehemaligen Talk-Talk-Schlagzeuger Lee Harris im Duo .O.Rang, als Produzent vor allem im Hintergrund und veröffentlichte im Jahr 2002 zwar mit Portishead-Schmerzensfrau Beth Gibbons das Album "Out Of Season" mit dem gemeinsamen Singlehit "Tom The Model". Danach sollten aber auch bei ihm 17 Jahre der hier jedoch nur scheinbaren musikalischen Pause ins Land ziehen, an deren Ende 2019 die Neuerfindung unter dem alten Alias Rustin Man stand.

Auf dem Album "Drift Code" hörte man eigentümliche wie eigentümlich aus der Zeit gefallene Songwritingkunst, für die der Mann 57 Jahre alt werden musste, um mit entrückt-erzählerischem Knödelgesang erstmals auch seine Stimme zu erheben. Der ausgedehnte Prozess der Genese wurde von Paul Webb allerdings nicht nur mit der endlosen Überarbeitung, Ergänzung und Mutation einer Vielzahl an Arrangements, sondern auch damit erklärt, dass er sich einen Gutteil der dafür verwendeten, mitunter seltenen Vintage-Instrumente erst einmal aneignen musste. Wir lernen, im Delegieren und im Hudeln wird der Mann eher kein Weltmeister mehr.

Verschwenderische Genauigkeit

Dass mit "Clockdust" (Domino Records) nun sensationellerweise bereits im Folgejahr ein weiteres Album von Rustin Man vorliegt, hat entsprechend auch nichts mit einem stark beschleunigten Arbeitsprozess zu tun - oder mit der plötzlich erlernten Fähigkeit, künstlerisch loszulassen. Nein. Die neun abermals recht eigenbrötlerisch ausgefallenen und hübsch mäandernd angelegten Songs mit Wurzeln im psychedelisch gefärbten 60er-Jahre-Folk und Neigung zu billig eierndem Keyboardgeorgel, etwas Sperrstundenjazz und im Hallraum umgehenden Geisterchören haben ihren Ursprung schlicht in denselben Sessions, würden sich laut ihrem Schöpfer atmosphärisch aber deutlich vom "Drift Code"-Material unterscheiden.

Unverkennbar nach Rustin Man klingen sie von der als Klaviermeditation eröffneten Erinnerung an längst vergangene leichte Tage ("Carousel Days") über den Lust, Sinnlichkeit und Perversion fokussierenden Dreierziegel aus "Jackie’s Room", "Love Turns Her On" und "Kinky Living" bis hin zum perkussiv in Dub-Nebel aufsteigenden "Night In The Evening" (Sting und The Police auf artsy fartsy!) aber trotzdem. Ach ja, dazwischen hat man Trauermarschrhythmen, Mariachi-Trompeten und ein filmisches Instrumental gehört, das die Bauhaus-Ästhetik des Albumcovers in Musik übersetzt.

In Zeiten der Verknappung von im Wesentlichen allem wird hier mit verschwenderischer Genauigkeit ans Werk und durch Klangräume geschritten. Wir hören Musik, die unfassbar und gleichzeitig facettenreich genug ist, um uns in freudiger Entdeckerlaune zum Hören in Endlosschleife zu verleiten. Dass am Ende ein Mann im Zentrum steht, der ein Heilmittel besitzt ("Man With A Remedy"), kommt da nur recht. Womöglich ist in diesen Wochen des erzwungenen Rückzugs Rustin Man selbst dieser Mann.