Kaum ein Rock-Historiker, der das ist, was die Amis zutreffend "in his/her right mind" nennen und dessen Negation wir hier in Wien so charmant als "nicht ganz bei Trost" bezeichnen, wird dem Gun Club Wegweiser-Meriten abstreiten. Genauso wenig kann aber jemand ernsthaft behaupten, die Band um den von vielen ungesunden Süchten angekränkelten Sänger und Songschreiber Jeffrey Lee Pierce hätte formal irgendwelche Innovationen in die Welt gesetzt. Im Gegenteil, die Stilmittel, deren sie sich bediente, waren, salopp gesagt, so alt wie die Menschheit selbst. Was den Gun Club beispielhaft machte, war die Zusammensetzung dieser fossilen Idiome und das Selbstverständnis, mit dem dieser räudige Bastard präsentiert und mit seiner Zeit kurzgeschlossen wurde.

Archaische Stilmittel

Es ist kein Wunder, dass über die Jahrzehnte immer wieder Bands Lektionen in dieser Schule genommen haben. Die White Stripes waren die kommerziell erfolgreichste; Sorry aus London, ebenfalls ein Frau/Mann-Duo, sind ihre aktuell interessantesten Absolventen. Sie sind zum einen typische Repräsentanten der Gegenwart, indem sie – vor allem natürlich in den Texten – vorführen, was moderne Technologien in Psyche und Verhalten von Menschen hervorrufen. Indem sie aber assoziative Sprunghaftigkeit, Fragmentierung, Fahrigkeit musikalisch eben nicht mit "zeitgemäßen", also den Verursachern adäquaten, sondern im Gegenteil völlig archaischen Stilmitteln darstellen, huldigen sie wie die großen Altvorderen der untilgbaren Faszination des Unvereinbaren: Irgendwo im Jenseits treffen ja auch zwei parallele Geraden zusammen.

Sorry haben ihren Weg – auch darin sind sie sehr heutig – über das Internet gemacht. Zunächst mit Mixtapes ihrer Demos. Erst danach folgten die obligatorischen Singles, mit denen sie sich einen veritablen Insider-Ruf erarbeiteten. Daraus ist genug Stoff für ein ordentliches offizielles LP-Debüt entstanden (und wohl auch noch eine gute Versorgung für dessen Nachfolger). Bemerkenswert ist, wie wenig Energie auf diesem Weg auf der Strecke blieb. Der Sound auf "925", wie Sorrys abendfüllender Erstling betitelt ist, hat zwar durchaus einige Stadien der Raffination durchlaufen, klingt aber immer noch roh und zupackend und schlittert oft haarscharf an der Grenze zur Explosion entlang.

Wie eigentlich fast zwingend aus dem oben angestrengten Rekurs hervorgeht, sind die dominierenden Klangerzeuger bei Sorry Gitarren: Laute, wuchtige, ungehobelte Gitarren, gespielt von den beiden Protagonisten Asha Lorenz und Louis O’Bryen. Daneben fuhrwerken ein paar billige analoge Synthesizer, schmachtet ab und an ein trauriges oder liebestolles Saxofon, und alles ist fundiert von der kompakten Rhythmusachse aus Lincoln Barrett (Schlagzeug) und Campbell Baum (Bass).

Mörderischer Blues-Rock

Sowohl Lorenz als auch O’Bryen singen. Doch ihre Parts sind nicht paritätisch aufgeteilt, sondern klar von Lorenz’ trügerisch sonorer, oft ein wenig verschlagener, stellenweise auch gelangweilt klingender Stimme dominiert. O’Bryen darf mit seinem tiefen, irgendwie fast patschert klingenden Organ hier und da ergänzen, Stichworte geben, kommentieren, konterkarieren, stellenweise auch mal mit der Protagonistin in Dialog treten. In jedem Fall ist er immer nur Zweiter – nicht notwendigerweise in der Band-Hierarchie, aber in der Dramaturgie des Albums.

Dieses geht mit mörderischem Blues-Rock und einer Geschichte los, die Lorenz und O’Bryen aus ihren unterschiedlichen Perspektiven erzählen: In einer Bar, die beide augenscheinlich jede Nacht besuchen, versucht eine Frau, die Aufmerksamkeit eines Mannes zu erlangen. Das bleibt diesem auch nicht verborgen, erzeugt in ihm allerdings nur einen Fluchtreflex – was wiederum ihren Ehrgeiz, ihn zu angeln, noch mehr anstachelt.

Lust um den Preis möglicher Frustrationen erleben zu wollen, das ist ein prominentes Thema dieser Platte, das Lorenz am explizitesten mit der Schilderung einer manischen, aber alles andere als romantischen Nacht mit einem abgehalferten Rock-n’-Roll-Star darstellt. Verlustangst und Depression sind seine natürlichen Verwandten. Sarkasmus und (Pop-)Geschichtsbewusstsein kommen als sporadische Begleiter hinzu: "Then I think to myself / what a wonderful world / what a hell of a day."