Einen zweifelhafteren Bandnamen für die Zeit der Corona-Krise hätte man sich im Wesentlichen nicht aussuchen können, auch wenn man damit aktuell buchstäblich in aller Munde ist. Wobei: Ursprünglich trug die zu ihrer Entschuldigung bereits im Jahr 2003 gegründete irische Band The Coronas den Namen Corona, der allerdings schon durch einen italienischen Act besetzt war, dessen größten Hit wir wahrscheinlich alle noch kennen.

Dem Eurodance-Song "The Rhythm Of The Night" gelang 1993 ein Kunststück, für das erst in der Internet-Ära eine adäquate Bezeichnung gefunden wurde. Er ging sozusagen noch in der grauen Vorzeit "viral" und sollte somit für einen gewissen Finanzpolster gesorgt haben, den man als Musikschaffender gut brauchen kann, wenn einem eine tatsächliche Virus-Pandemie - wie derzeit - die Lebensgrundlage zusammenkürzt.

Händewaschsongs

Viral zu gehen ist dann auch schon eine der wenigen positiv konnotierten Facetten, die eine sogenannte "infektiöse organische Struktur" auch im Fachbereich Pop mit sich bringt. Von den im Zuge der HIV/Aids-Epidemie verstorbenen Musikern und Popstars einmal ganz abgesehen, wurden dadurch nicht zuletzt alte Hippie-Ideale wie, sagen wir, die freie Liebe zerstört und ein auch und gerade auf sexuelle Verwahrlosung abzielender Rock-’n’-Roll-Lifestyle zumindest gefährdet - wovon mit ihrem Song "Virus" im Jahr 1989 womöglich die aus Hamburg stammende Industrial-Band KMFDM berichtete: "You catch it once, catch it twice / Catch it with your love device / It’s a man-eating God-creator / Collecting lives, paying later . . ."

In unserer von der Heimisolation geprägten Gegenwart wiederum mag es der eine oder andere und in manchen Fällen von einer erheiternden Choreografie begleitete "Händewaschsong" sein, der sich im Internet epidemisch verbreitet. Wenn so ein Beitrag dann auch noch mit einem Wohnzimmerauftritt eines großen Namens zusammenfällt, ist ohnehin von einer sicheren Bank zu sprechen. Zuletzt sah man etwa Neil Diamond dabei, wie er seinen alten Hit "Sweet Caroline" ("Hands, touching hands") zuhause vor dem Kamin aus gegebenem Anlass einer Neuinterpretation unterzog: "Hands, washing hands!" Fürsorge und Gesundheitstipps statt Rock-’n’-Roll-Verwahrlosung jetzt!

Der Mann kennt sich da aus. Er hatte einst schon einen Song namens "Measles" im Programm, was uns über die 1964 in Manchester gegründete Band The Measles oder das hörbar schelmisch angelegte Country-Folk-Stück "I’ve Got The Measles" des US-Songwriters Tom Paxton daran erinnert, dass selbst schnöde Infektionskrankheiten wie die Masern im Nischenbereich der Popmusik eine Rolle spielen können. "My face has polka dots / My face is covered with spots / How many are there? / Lots!"

Virus liebt Zelle

Wir könnten in diesem Zusammenhang aber auch ein Auftauchen der Schweine- oder Vogelgrippe attestieren (mit "Swine Flu" von Jello Biafras Projekt Tumor Circus und dem tribalistisch gepolterten "Bird Flu" der britisch-tamilischen Rapperin Mathangi "Maya" Arulpragasam alias M.I.A.) oder an Songs wie "Polio" und "Cholera" von Acts wie der US-Band The Sea And Cake oder der kanadischen Produzentin Chloé Raunet alias C.A.R. denken - während der liberische Rapper Charles Yegba inmitten der beinharten Krisenrealität der westafrikanischen Ebola-Epidemie 2014/2015 eine Extraportion Zuversicht spendete: "Take away the fear, don’t hide yourself / People can still survive from Ebola."

In sicherer historischer Distanz hingegen war bei der Folkrockband The Builders And The Butchers aus Portland die Hoffnung bereits in den Himmel gefahren. Ihr "Spanish Death Song" über die Spanische Grippe inkludiert nicht von ungefähr endzeitliches Glockengeläut: "They will ring the bells / They will come and find you / Bringing out the dead."

Schrulliges zum Thema ist dafür im Werk der Pop-Enigmatikerin Björk zu finden. Die hatte auf ihrem Album "Biophilia" von 2011 auch eine Liebesgeschichte zwischen Virus und Zelle dabei, die zweifelsohne in den heute angesagten Bereich der toxischen Beziehungen fällt: "The perfect match, you and me / You fail to resist / My crystalline charm." Und auch bei der New Yorker Transgender-Tragödin Anohni ging es fünf Jahre später biologistisch zerstörerisch zu. Im Song "Hopelessness" ist der Mensch selbst zur viralen Bedrohung des Heimatplaneten geworden. Stichwort Anthropozän: "I, who curled in cave and moss / I, who gathered wood for fire / And tenderly embraced / How did I become a virus?"

Schwarzer Tod

Apropos desaströs, Destruktion, Tod und u-arrrgh: Wenig überraschend spielt die Pest vor allem in der jenseitig orientierten Starkstromabteilung der IG Metal eine gewaltige Rolle: Plague ist (neben einem - fast - gleichnamigen Song des großen Scott Walker von 1967, "The Plague") auch der Name gleich mehrerer Black- und Death-Metal-Bands, die im Genre den Auftrag erfüllen, für Angst und Schrecken zu sorgen. Vergleichsweise tröstlich ist, dass man das Wort "Virus" und eine Begleiterscheinung namens "Fever" zumindest im Mainstreambereich gelegentlich mit positiven Gefühlen assoziiert. Wie heißt es diesbezüglich in einem melodramatisch gestimmten Beitrag der Song-Contest-Vorrunden-erfahrenen schwedischen Sängerin Sarah Dawn Finer so exemplarisch? "Your love is like a virus!"

Es lässt sich am Ende dieses Health-Checks also diagnostizieren, dass das Virus im Popsong vielleicht nicht epidemisch geworden ist. Aber es hat sich doch nachhaltig eingenistet.