Es ist einer jener Sprüche, den jeder schon mindestens einmal während der Corona-Krise in seinen diversen Sozialen Medien gesehen hat: "Während du singst, ist der Bereich im Hirn geblockt, der Angst auslöst. Du kannst also nicht gleichzeitig singen und Angst haben."

Klingt gut. Und so einfach. Tatsächlich heißt es, dass Singen mutig macht. Das liegt unter anderem daran, dass sich die Körperhaltung instinktiv verändert - sich entspannt und aufrichtet. Ob man das Angstzentrum im Gehirn wirklich einfach ausschalten kann, ist nicht so klar. Aber ganz ehrlich: Versuchen kann man es ja, was soll schon passieren.

Für diesen Zweck hat das Feuilleton der "Wiener Zeitung" eine Playlist zusammengestellt, die sich dafür eignet, die Sorgen wegzusingen.

Nur Mut!

Ja, was kann man sagen, außer: Kann es so eine Liste ohne ABBA geben? Nein, das kann es nicht. Die Auswahl ist groß, das enthemmte Mitsingen eignet sich bei fast allen Liedern der schwedischen Kultband der 70er. Besonders schön geht es zum Beispiel bei "Lay all your love on me". In dieses hymnenhafte Flehen nach amouröser Exklusivität lässt sich gerade genug Schmelz legen, um ein kleines Tief zu übersingen. (cb)

Ed Sheeran macht es sicher auch nichts, wenn man ihn als Trost-Barden "missbraucht". Wenn man schon nicht so bald wieder zum inoffiziellen Hochzeitsklassiker "Perfect" tanzen wird können, kann man sich zumindest in einen anderen seiner Hits stimmlich so richtig hineinsuhlen. "Castle on the Hill" suggeriert mit seinem Beat schon eine Vorwärtsbewegung, nach der man in Tagen wie diesen eine Sehnsucht entwickelt. Wenn man dann noch aus vollem Hals den Refrain mitsingt, ist der Road-Trip im Kopf schon voll im Gang. Ziel: weg von den Sorgen. (cb)

"Alle Menschen san ma zwider" von Kurt Sowinetz: Der Klassiker des Wiener Volksschauspielers basiert bekanntlich auf Ludwig van Beethovens "Ode an die Freude" vulgo Europahymne, die in Österreich bereits zu Beginn der Corona-Krise von Balkonsängern angestimmt wurde. Man sollte sich an Sowinetz halten: Erstens, weil die Stimmung in Wien auch in Ausnahmezeiten so oasch bleiben sollte wie im Normalfall. Zweitens, weil hier recht sozialrealistisch aus dem Inneren der Quarantäne berichtet wird ("Voda, Muada, Schwester, Bruada und de ganze Paklraß . . ."). Und drittens, weil der Song allfälligen grantelnden Nachbarn ("Ruhe! RUHE!!") sehr schön den Spiegel vorhält. "I mechts in die Goschn haun!" (a.r.)

"Highway To Hell" von AC/DC: Dieser Hit aus dem musikalischen Starkstromsegment macht uns derzeit etwas nostalgisch. Immerhin erinnert er als guter alter "Autofahrer unterwegs"-Hadern an ferne Zeiten, in denen man noch mit dem Benziner in die Freiheit brauste. Heute eignet sich "Highway To Hell" aber immer noch, wenn es etwa darum geht, bei zu viel Tagesfreizeit den renitenten 14-Jährigen in sich wiederzuentdecken – und die Melodie nach dem einen oder anderen hopfenhaltigen Kaltgetränk entweder zu singen oder sie aufzustoßen. Nachdenklicher betrachtet: Vielleicht handelt es sich hier aber auch um einen kritischen Zeitkommentar über eine Gesellschaft auf dem Holzweg zur Hölle. (a.r.)

"Stoak wie a Felsen" von Stefanie Werger: Warum die heimische Exekutive zuletzt ausgerechnet mit "I Am From Austria" von Rainhard Fendrich um die Häuser zog, erschloss sich nicht wirklich. Hier hätte gerade auch der Austropop Passenderes im Programm. "Irgendwann bleib i dann dort" von der STS gehört vielleicht nicht dazu. Und auch "Stoak wie a Felsen" von Steffi Werger eignet sich in seiner Form als Trennungssong nur bedingt. Dafür wird hier jener Kampfgeist bezeugt, den es aktuell braucht. "Du glaubst woi i hob gwoart auf di / Oba no amoi tua i mir des bestimmt net on!": Diese eigentlich auf einen windigen Ex-Lover gemünzten Zeilen kann sich außerdem auch so ein dahergelaufenes Coronavirus hinter die Ohren schreiben! (a.r.)

Von Wien in die Welt rappte Falco die heimliche Hymne der Wiener Dekadenz. Wer bei "Wien, nur Wien du kennst mich up, kennst mich down
Du kennst mich / Nur Wien, nur Wien, du nur allein Wohin sind deine Frauen?" nicht mitmuss dem ist nicht mehr zu helfen. (bau)

"It's the end of the world as we know it" – Wann, wenn nicht jetzt und wer, wenn nicht REM? Das Lied passt zur aktuellen Situation und wenn man ganz laut mitsingt, dann fühlt man sich einfach gut. (grex)

"Probier's mal mit Gemütlichkeit" – Balu, Mogli und ich – irgendwo im Dschungel, sicher nicht in einer Wohnung. Eine Erinnerung an die Insekten draußen, an Freundschaft und dass nicht Alles stressen sollte. (grex)

"Drüben auf dem Hügel" – Tocotronics Abgesang auf die Sommerliebe. Jetzt im nassen Gras mit der Frau, nach der man sich so sehnt. Was will man eigentlich wirklich mehr? (grex)

"I will survive" von Gloria Gaynor: In Tagen, wo uns das Corona-Virus in die Schranken weist, Familienkonstrukte auf die harte Probe gestellt werden, Existenzen wie Glas zerbrechen, der Geist kaum noch fassen kann, was sich auf diesem Planeten abspielt, tanzen wir befreit durch die Wohnung, vergessen den Moment – denn es geht letztlich nur um eines: I will survive. (gral)

"Steh auf, wenn du am Boden bist" von den Toten Hosen: "Halt durch, auch wenn du allein bist, halt durch, schmeiß jetzt nicht alles hin… es wird schon irgendwie weiter geh´n" – Hymnen wie diese lassen ganze Stadien vibrieren. Holen wir uns die Vibes in die eigenen vier Wände. Ganz wichtig: Laut – lauter – und noch lauter!!! (gral)

"In meinem Leben" von Nena: Es lässt einen nicht vom Hocker springen. Es lässt einen nicht grölend durch die Wohnung tanzen. Dennoch: Als wohl schönstes Liebeslied an das Leben lässt es einen durch Aufs und Abs denken, Kraft tanken und das eigene Leben als besonders wertvoll krönen. (gral)

"Auf mich" von Fiva: Wenn‘s gar nicht mehr geht und man den Tag am Liebsten aus dem Kalender streichen möchte: "Auf mich" und "Hoch die Gläser" singt Fiva alias Nina Sonnberg. Danach ist der Tag gerettet – wenn nicht: noch ein zweites Mal anhören. (vf)

"2x" von Mathea: In diesem Song sitzt jede Zeile: "Man sieht sich immer zweimal / und mir wär lieber kein Mal, kein Mal mehr" eignet sich hervorragend, um tanzend und grölend im Wohnzimmer seinen Partner zu drohen, sollte diese/r das Homeoffice mit Urlaub gleichsetzen und einfach nervt. Denn sonst: "Für uns zwei gibt's gar keine Chance mehr"! (vf)

Singen gegen die Angst? Was lässt sich besser mitjaulen, mitgrölen, mitschmettern (undsoweiter undsofort) als – ja, eh, gerade in diesem Jahr: "Freude, schöner Götterfunken" aus der Neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven? Öde, weil ohnedies schon x-mal zu diesem Zweck entfremdet? Nun gut, zwei Alternativen: Carl Orff hat in seiner "Klugen" mit "Als die Treue ward geborn, kroch sie in ein Jägerhorn" einen echten Hit gelandet. Gerade recht zum Mitsingen – und am besten die ganze Oper anhören, da ist noch mehr Stoff zu diesem Zweck drin. (eb)

Was singen Matrosen gegen ihre Angst vor Gespenstern? "Steuermann, lass die Wacht! Steuermann her zu uns!" Der Vorschlag, den Richard Wagner in seinem "Fliegenden Holländer" unterbreitet, kann einfach nicht falsch sein! (eb)

Und jetzt noch schnell was zum Drüberstreuen, nämlich Leonard Bernstein Jahrhundert-Schlager "America". Wenn’s mit dem Text nicht klappt, egal: Man kann das auch auf La-la-la singen. Und bitte recht laut! (eb)