Was für ein perfekter, in Musik gegossener symbolischer Fingerzeig! Im Alter von 31 Jahren kehrt Katie Crutchfield nach Jahren des künstlerischen Exils ins heimatliche Alabama zurück, das ihrem Projekt Waxahatchee – Waxahatchee Creek heißt der Bach, der beim elterlichen Anwesen vorbeifließt – nominell Pate gestanden hat. Entdeckt und akzeptiert Country, die Musik ihrer Altvorderen, wieder. Und nimmt diese Musik auf eine Tour durch ihr bisheriges Schaffen mit: Folk in der Reduktions-Variante, Pop und Rudimente jener Punk- und Indie-Rock-Adaptionen, mit denen sie in den Nullerjahren gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Allison mit der Band P.S. Eliot fern der Heimat in New York und Philadelphia ihre Karriere angekickt hat. Full Circle sagen die Amis zu so etwas. Ein Kreis schließt sich.

Vor allem hat Crutchfield mit dem Trinken aufgehört: Denn das habe, wie die Sängerin, Songschreiberin, Gitarristin und Pianistin in Interviews verlauten hat lassen, ihre Produktivität unterminiert, sie unverlässlich, streitlustig und, wie es in unseren Breitengraden heißt, obizahrerisch gemacht. Sucht und Co-Abhängigkeit – ein schreckliches, aber in den letzten Jahren mehr oder weniger in den Sprachgebrauch eingegangenes Wort-Ungetüm, das die Verstrickung von Nahestehenden in das Suchtverhalten eines Menschen bezeichnet – seien die zentralen Themen ihres neuen Albums "Saint Cloud". Das kommt zwar in den eher abstrakten Texten des Albums, das der britische "Guardian" als bisher bestes des Jahres preist, expressis verbis kaum zum Ausdruck, ist aber als Stimmung spürbar.

Trinken war schon auf dem ersten Waxahatchee-Album "American Weekend, ein prominentes Thema: "I’ll drink until I’m happy", bekennt Crutchfield mit ihrer grundsätzlich recht einnehmenden Stimme, die aber auf Demos und frühen Aufnahmen durchdringend und brutal insistent sein kann. Mit dem Trinken bringt Crutchfield eine physische Dimension in ihre Inhalte, die, ohne thematisch allzu harsch aus dem gängigen Beziehungsreigen auszuscheren, substanziell von einer verzehrenden Gier nach Intensität gezeichnet sind, der die natürlichen Ressourcen dieser armen Welt nie gewachsen sein können.

"Saint Cloud" reflektiert die selbstzerstörerische Komponente dieser Gier und sucht mögliche und unmögliche andere Wege, sie irgendwie verträglicher zu stillen: "I will chase all the rain, put it down, call it paint / To possess something arcane", heißt es Dylan-Preis-würdig in "The Eye", das laut Crutchfield ein Lied an ihren Lebens(abschnitts)partner, den Singer-Songwriter Kevin Morby ist.

Großzügige Produktion

In mehreren Songs wird allerdings ein Ringen mit sich selbst spürbar – auf den Punkt gebracht im Statement "I’m in a war with myself". In "Hell" äußern sich die Frustrationen (buchstäblich) nüchterner Selbsterkenntnis und die Wut auf Menschen, die diese auch noch fördern. In "Fire" kämpft ein Ich um die Fähigkeit, fünf gerade sein zu lassen und seine Unvollkommenheiten zu akzeptieren. Und die Ballade "Can’t Do Much" führt mit den Zeilen "Love you till the day I die / I guess it dont matter why" vor, wie solcher Seelenfrieden erlangt werden kann: Mit müder Ist-eh-schon-wurscht-Resignation.

Die Musik allerdings schafft es, solche emotionalen Gefälle mit nicht alltäglicher Souveränität auszutarieren. Das liegt daran, dass ihr erlaubt wird, in die Breite zu gehen. Daher wirkt die großzügige Produktion von Brad Cook (Bon Iver, Bruce Hornsby u.a.) trotz durchaus dynamischer Momente nie angespannt, wie das frühe, viel reduziertere Waxahatchee-Arbeiten reichlich sind. Viel Twang verströmt ländliche Gemütlichkeit; akustische Gitarren und Pianos geben eine weiche Unterlage für Crutchfields noch immer leidenschaftlichen, aber an keiner Stelle mehr penetranten Gesang.

"In der Vergangenheit bin ich ständig irgendetwas hinterhergehetzt", erzählt Crutchfield dem Musikportal "Pitchfork". "Das tat ich bei dieser Platte nicht. War jemand nicht verfügbar, habe ich eben gewartet. Klang etwas nicht richtig, haben wir so lange daran gearbeitet, bis es richtig klang."