Mit wie viel Lebenszeit in der freiwilligen Selbstisolation sich der Mann für die aktuelle Corona-Krise gewappnet hat, ist nicht überliefert. Manische Schaffensphasen mit seinem über Marathondistanz im Wesentlichen als Einpersonenunternehmen betriebenen Projekt Nine Inch Nails dokumentieren jedenfalls, dass Trent Reznor dabei auch aus einem anderen Grund etwas für die derzeitige Lage mitgenommen haben dürfte.

Immerhin ging es in seinen Songs nicht nur gut und gerne um innere und äußere Apokalypsen - es ging darin immer auch um unseren Umgang damit. Man denke nur an die durch eine Coverversion des späten Johnny Cash zum Jahrhundertsong erhobene Schmerzensstudie "Hurt" ("I hurt my self today / to see if I still feel / I focus on the pain / The only thing that’s real"), das im Jahr 2007 als Dystopie angerichtete Album "Year Zero" und, ach was, an eigentlich die meisten Album- und Songtitel zwischen "The Downward Spiral", "Into The Void", "The Beginning Of The End", "The Four Of Us Are Dying" oder "All Time Low".

Wunschloses Unglück

Andererseits sollte man dem heute 54-jährigen Sänger, Songwriter, Produzenten und Multiinstrumentalisten aber auch nicht Unrecht tun. Schon im Jahr 1999 mag ein hübsch in Schwarz-Weiß abgefilmtes Musikvideo unter Regie von Mark Pellington zwar auf der visuellen Ebene für Endzeitstimmung gesorgt haben. Mit auch musikalisch mächtigen Mitteln sang Trent Reznor im dazugehörigen Song allerdings durchaus im Sinne der Gemeinschaft und des Zusammenhalts gegen die Verhältnisse an. Das gerade auch heute gültige "We’re In This Together" kam so emphatisch wie empathisch als gar nicht stummer Schrei nach Liebe daher.

Realbiografisch fand Reznor in seinem 2016 zum fixen Mitglied der Nine Inch Nails ernannten Produzentenkollegen Atticus Ross einen Soulbrother. Gemeinsam entstanden neben regulären Alben wie zuletzt "Bad Witch" (2018) auch zahlreiche Soundtrackarbeiten um etwa die Oscar-prämierte Musik zu David Finchers Film "The Social Network" (2010). Und erst heuer sorgte die Nachricht von der Aufnahme der Band in die Rock and Roll Hall of Fame - und die coronabedingte Verschiebung der Inauguration von Mai auf November - für wunschloses Unglück.

Aktuell stehen aber auch zwei spontan veröffentlichte Instrumentalalben, mit denen an den Vierfachstreich "Ghosts I-IV" von 2008 angeknüpft wird, aus gleich drei Gründen unter Corona-Eindruck: Erstens erinnert Trent Reznor in einer kurzen Begleitbotschaft an die Rolle von Musik als Seelentröster, zweitens werden die Arbeiten "Ghosts V: Together" und "Ghosts VI: Locusts" zwecks solidarischer Geste derzeit als Gratis-Download auf der Bandhomepage angeboten - und drittens sind Titel wie "Letting Go While Holding On" oder "Hope We Can Again" nur mit Anstrengung nicht auf jene Situation zu beziehen, in der wir uns derzeit alle befinden.

Zum Pflanzen eintopfen

Überraschungen hält dabei vor allem "Ghosts V" bereit: Zwar hat man es bei den auf bis zu 13 Minuten gedehnten Stücken immer noch unverkennbar mit den Nine Inch Nails zu tun. Allerdings fallen die auf einer Extraportion Ambient basierenden Ergebnisse zwischen akustischen Sternenreisen (Stichwort "Kometenmelodie") und einem Hauch neuer Klassik im Falle von zusätzlich spirituell (!) abgefederten Stücken wie "Apart" erstaunlich zurückgenommen, friedlich, meditativ - und weltzugewandt aus. Man kann dazu also gut Yoga treiben, die Sonne anbeten oder sich überlegen, welche Pflanzen man eintopft, wenn die Gärtnereien wieder aufsperren werden. Kurz gesagt, das hätte es früher nicht gegeben!

Bevorzugt gemarterte Seelen müssen sich aber nicht fürchten: "Ghosts VI" holt dann zum Gegenschlag aus, den man wiederum meiden sollte, wenn man es aktuell mit den Nerven hat. Wir hören einen musikalischen Fiebertraum, der es weitgehend zappenduster, gespensternd und aufreibend anlegt - und dafür auf gut erprobte Hausmittel wie Dissonanzen und Störsounds setzt. Musik frei nach Karl Valentin: Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist.

Dass wir derzeit alle viel Zeit haben, wissen die Nine Inch Nails übrigens auch. Mit rund zweieinhalb Stunden Spieldauer ist dieses musikalische Wechselbad der Gefühle für kein Geld äußerst großzügig ausgefallen.