Kulturgeschichtlich mag es so sein, dass die Maske neben der Lust an der Verkleidung vor allem dem Vorhaben diente, jemanden oder etwas darzustellen - sprich in eine Rolle zu schlüpfen. Aber machen wir uns nichts vor, so ein Mittel der Gesichtsverhüllung zieht auch eine willkommene Wand zwischen den Kulturschaffenden und dem Publikum ein. Stichwort: Die da oben, wir da unten!

Einerseits kommt das der Erhöhung und einer der Ökonomie der Aufmerksamkeit zuarbeitenden "Mysterisierung" zugute. Andererseits ist es natürlich ein Vorteil, als heimlichster Popstar der Welt bei der Prostatavorsorgeuntersuchung und im Sexshop unerkannt zu bleiben oder weiterhin durch den Supermarkt schlendern zu können, ohne ständig Selfies mit aufdringlichen Fans machen zu müssen.

Damit auch sie unerkannt im Diskonter einkaufen können: Daft Punk. - © David Black
Damit auch sie unerkannt im Diskonter einkaufen können: Daft Punk. - © David Black

Das samt Helmen mit Vollvisierschutz zu Disco-Humanoiden gestylte französische Duo Daft Punk ist da beispielsweise sehr konsequent. Und es beruft sich diesbezüglich bereits auf gute alte Vorreiter der anonymisierten Popstarfraktion, zu der auch die Düsseldorfer Elektronikpioniere Kraftwerk gehören. Die waren nicht etwa unmotiviert oder gelangweilt, sondern definitiv einer künstlerischen Mission verpflichtet, wenn sie die nach ihnen modellierten Roboterkollegen als stellvertretende "Mensch-Maschinen" auf die Bühne schickten, um sie mit dem Akzent einschlägiger Bordcomputer aus frühen Science-Fiction-Filmen sprechsingen zu lassen: "Wir sind die Ro-bo-ter!" In dieser Hinsicht einfallsreich auch die psychedelische Avantgarde der 1970er Jahre in Gestalt der Residents aus San Francisco. Das bis heute inkognito agierende Kollektiv posierte neben diversen anderen Kostümierungen stilsicher mit Zylinder, Smoking und Gehstock, hatte seinen Kopf aber ikonografisch zugunsten eines plutzergroßen Augapfels verloren.

Allerdings muss man gar nicht so weit gehen und die Welt der Konzeptkunst beleuchten. Tatsache: Die popkulturell bedeutendste Maske der letzten beiden Jahrzehnte war der Vollbart. Ausgehend vom Milieu der singenden Waldschrate und der an der Wanderklampfe zupfenden Folkzausel dominierte der sensible weiße Jungmann mit traurigen Lagerfeuerballaden oder dessen Hipstervariante mit Männerdutt und Stirnband das Geschehen. Genaueres müsste man jetzt bei Dr. Freud nachlesen. Der Kontrast zwischen dem sensiblen Innenleben und einem ungehobelten Erscheinungsbild als grober Klotz, wie man ihn sonst als kanadischen Waldarbeiter kennt, der sich sein Mittagessen selbst schießen und ausweiden geht, ist aber jedenfalls interessant.

Schulmädchen und Pandas

In sich stimmiger ist nicht nur vergleichsweise die Verwendung des Songs "Who Are You" von The Who als Einlaufmusik des im Privatfernsehen beliebten Formates "The Masked Singer", das Halbprominente in Vollkörperkostümierung um die Gunst von Jury und Publikum antreten lässt und so zumindest Sympathie und Antipathie als Wahlbeweggründe ausschließt. Man könnte aber auch kurz nach Japan schauen, wo eine programmatisch Kamen Joshi (also "Maskierte Mädchen") benannte Girlgroup den auch für den Mangabereich zentralen Schulmädchenlook mit gar schröcklichen Gesichtsmasken kombiniert, die man bereits im einen oder anderen Serienkillerfilm gesehen hat. Kill-kill, die-die! Das passt.

Schulmädchen mit Killermasken: Die japanische Girlgroup Kamen Joshi. - © ZhowTV
Schulmädchen mit Killermasken: Die japanische Girlgroup Kamen Joshi. - © ZhowTV

Immerhin verbindet die Band auch zum Fürchten quietschbunten Bubblegum-Pop mit Musical-Einschlag und martialisch gemetzelte Stakkato-Riffs der IG Metal. Quietschbunt und schrill geht aber auch in Schwarz-Weiß: Der ausgewanderte deutsche Countertenor Klaus Nomi demonstrierte es im Jahr 1981 von New York aus mit seinem Weltuntergangs-Hit "Total Eclipse" und einem womöglich aus dem japanischen Kabuki-Theater geborgten Mischwesen-Look als außerirdische Spitzmaus mit blassem Gesicht - und schwarzen Lippen.

Kinderfasching und Jacko

Beweggründe, als Popmusiker auf die Maske zu setzen, gibt es übrigens viele. Das Animal Collective um Songwriter Panda Bear (welche Kostümierung trug der wohl??) machte sich damit in der Konzertsituation locker, der gleichfalls dem Panda-Gehege entstammende deutsche Pop-Rapper Cro verweist auf seine Persönlichkeitsrechte und die britische Band Clinic führt den gespielten Witz ins Feld, der sich aus der Verwendung der heute also auch im echten Leben angesagten Mund-Nasen-Schutz-Maske in Kombination mit ihrem Bandnamen ergibt. Bei Pussy Riot aus Russland kommen Häkeldecken und Sturmhauben aus naheliegenden politischen Gründen zum Einsatz. Und bezüglich der im Black Metal verwendeten Leichenschminke sind sogar Argumente wie eine schwer zu verarbeitende katholische Erziehung dokumentiert. Das ist würdig und recht.

Zum Vernaschen: Kiss, die berühmtesten Maskenträger des Rock ’n’ Roll, in Form einer Nachspeise. - © Clever Cupcakes
Zum Vernaschen: Kiss, die berühmtesten Maskenträger des Rock ’n’ Roll, in Form einer Nachspeise. - © Clever Cupcakes

Im Reich der Toten und Untoten stellt Corpsepaint überhaupt eine gute Schminkübung dar, wenn es darum geht, den Kinderfasching von einst als Erwachsener noch einmal zu verlängern - und nicht schon wieder als Horrorclown oder Marilyn Manson mit Gasmaske zu gehen. Von Kiss, den berühmtesten Maskenträgern des Rock ’n’ Roll, ganz zu schweigen.

Wie alte Fotos im Internet beweisen, muss rückwirkend außerdem Michael Jackson unbedingt als Teil der Schutzmaskenavantgarde anerkannt werden. Der Mann sang außerdem schon damals zur Corona-Krise passende Texte: "Heal the world / Make it a better place / For you and for me / And the entire human race."