Erik Trauner, Sänger der Mojo Blues Band, ist einer der führenden heimischen Bluesmusiker. Wer, wenn nicht er, kennt sich also aus mit diesem so speziellen Gefühl, das gerade in Zeiten des Coronavirus auch um sich greift.

"Wiener Zeitung": Herr Trauner, als führender Bluesmusiker des Landes: Haben Sie gerade einen Hänger, wie man so schön sagt, oder auf Deutsch: Haben Sie den Blues?

Erik Trauner: Na, hob i net. Das Abkapseln macht mir ja keine Probleme, weil, wenn ich keine Konzerte spiele oder wir auf Tournee sind, da hab ich dann auch oft zwei Wochen keinen Auftritt und bin daheim. Nachdem ich seit Jahren getrennt bin und auch sonst eigentlich niemanden habe, keine Verwandten in meinem Alter oder so, ist das für mich nicht so ungewöhnlich, dass man sich isoliert. Meine Schwester lebt in Australien, die werd ich jetzt auch nicht besuchen.

Erik Trauner hat kein Problem mit Isolation. Da hat er mehr Zeit zum Bauen von Dioramen. - © Sandra Trauner
Erik Trauner hat kein Problem mit Isolation. Da hat er mehr Zeit zum Bauen von Dioramen. - © Sandra Trauner

Sleepy John Estes singt den Worried Life Blues. Haben Sie Sorge? Angst?

Er singt: "Someday baby, you ain’t gonna worry my mind anymore." Das gilt, umgelegt auf den Virus, auch für den. Der Blues wird ja immer fälschlicherweise als "negative Musik" gesehen, man vergisst dabei immer, dass das sehr humorige Texte sind, wenn wir jetzt zum Beispiel den von "Trouble in mind" hernehmen: "Well trouble in mind I’m blue but I won’t be blue always." Da legt einer den Kopf auf die Schienen, aber wenn er dann den Zug heranpfeifen hört, zieht er ihn schnell wieder weg. Der Blues passt ja auch ganz gut nach Wien, der Flirt mit dem Tod ständig, dann aber doch nicht.

Wir werden’s schaffen?

Ängstlich bin ich auf jeden Fall, keiner weiß ja, was das Virus wirklich bringt, da müsste man sich eigentlich selbst eine richtige Nachrichtensperre auferlegen, damit man nicht anfängt zum Sinnieren. Und dazu kommen natürlich die ganzen Verschwörer, da wird ja auch ein Schwanz an Wahnsinn hinten mit nachgezogen, nicht zu reden von den kriminellen Dingen, die passieren. Das Verhalten der Menschen insgesamt aber finde ich erstaunlich, und zwar in beide Richtungen. Auf der einen Seite so viele Menschen, die diszipliniert sind und verstehen, worum es geht, und dann die Volltrotteln, die Coronapartys feiern oder Klopapier horten.

Ein Blues von Savoy Brown heißt "I am tired". Wie müde sind Sie jetzt nach drei Wochen Corona-Krise?

Lebensmüde überhaupt nicht, und müde? Ich muss jetzt dann sowieso mal hinaus meine Beine vertreten. Ich wohne im 7 . Stock und gehe einmal rauf die Stiege und einmal runter. Aber ich habe ja noch ein Hobby, das mich beschäftigt: Ich baue Dioramen, nachgestellte Szenen mit Figuren im Maßstab 1:72.

Gospel und Blues sind eng verwandt. Wäre die Hinwendung zum "Lord" in diesen Tagen eine Lösung?

Religion war ja seit jeher für die Menschen wichtig, um Halt zu finden. Ich selbst bin wie viele andere spirituell, aber nicht religiös, ich hab sicher irgendwo meine guten Geister, sag ich immer, irgendwo werden die schon sitzen. Aber "the Lord" als Lösung? Na.

Hören Sie gerade viel Musik?

Na. Ich hab jetzt eher ein bisserl ein musikalisches Breakdown, hab mehr gespielt als gehorcht in letzter Zeit, das hat mir gutgetan. Meine Mama - Gott hab sie selig - hat immer den richtigen Ratschlag gehabt, wenn ich ihr gesagt habe: "Du mir geht’s grad nicht gut." Dann hat sie gesagt: "Na, dann schreibst halt einen Song." (lacht) Vielleicht hab ich deswegen so viele Songs geschrieben.

Songschreiben als Krisenbewältigung. Haben Sie noch genug Saiten für Ihre gute Slide Guitar?

Ein paar hab ich noch, danke. Aber so eine Krise hat ja auch immer etwas, was die Menschheit vielleicht gerade braucht: in sich zu gehen, sich einzubremsen. Blues und Gospel sind aber grundsätzlich eher ein Widerspruch, die Geschichte der beiden ist zwar eng verbunden, weil die Musik formal sehr ähnlich ist, aber der Inhalt des einen ist genau das Gegenteil vom anderen, kann man sagen. Der Blues feiert ja das irdische Leben und die Genüsse, im Gospel wollen alle über den Jordan hinüber und ins Land der Verheißung.

Stichwort "Country Blues" - wären Sie gerade lieber am Land?

Na, ich bin ein Erzstädter. Ich liebe die Natur, und es geht mir ab, das Hinausfahren, aber ich setz mich jetzt sicher in keine Öffis. Der Country Blues, na gut, der ist die Basis überhaupt, vom Mississippi her kommend, der Geburtsstätte. Der City Blues, also der Chicago Blues eines Muddy Waters’ - das sind ja alles Leute gewesen, die vom Land aus dem Süden in die Stadt gekommen sind, da war ja kein einziger aus Chicago.

Ein weiter bekannter Blues Song heißt "How long, how long" von Leroy Carr. Fragen Sie sich das jetzt auch?

Ich bin ja kein Prophet, aber ich bin von Anfang an davon ausgegangen, dass das über Monate gehen wird. Meine Prognose wäre Sommer. "How long" wir das wirtschaftlich und mental aushalten werden, ist eine andere Frage, das kann niemand beantworten. Da zeigt sich dann auch, wie sehr ein Land kulturell und mental so was durchhalten kann. Ich finde interessant, wie jedes Land das jeweils versucht zu lösen, und da finde ich jetzt, ohne chauvinistisch zu sein, dass Österreich darin spitzenmäßig ist, also wie das alles abläuft. Die Verantwortung, die diese Leute jetzt haben, wie die das machen, das finde ich gut. Man stelle sich vor, wir hätten Kickl und Sickl...

Ist es vorstellbar, ein Blues-Balkonkonzert zu machen? Die Nachbarn wachsen ja wieder zusammen, heißt es.

Oh je, Nachbar... schwieriges Thema für einen Berufsmusiker, mehr will ich dazu nicht sagen. Normalerweise bin ich ja eh nicht viel zu Hause, ich habe ja um die 100 Auftritte im Jahr mit der Mojo Blues Band oder solo, und da ist man gar nicht so geil drauf, dass man zuhause auch noch die ganze Zeit Gitarre spielt (lacht).

Was wäre der erste Sehnsuchtsort, sobald Reisen wieder möglich sein wird? Der Mississippi?

Ich reise überhaupt nicht gern. Am liebsten bin ich in Wien und mache hier meine Gschichtln, Ich bin so viel herumgefahren, fahre ständig herum, ich habe gar kein Fernweh.

Aber den Mississippi möchten Sie schon noch einmal sehen.

Meine "Blues Hadsch", wie ich das nenne, habe ich ja eh längst gemacht. Meine liebe Ex-Frau hat mir die mal zum Geburtstag geschenkt, weil ich ja selbst nicht Auto fahre, dass sie mich von Memphis nach New Orleans gebracht hat. Das war schon aufregend, ja.

Dann müssen Sie jetzt wenigstens kein Lenkrad und keine Türgriffe im Auto desinfizieren, wenn Sie vor der Nachbarin flüchten?

Immerhin das erspare ich mir, richtig.