Zugegeben - Abgeschiedenheit war schon einmal schöner. Als man noch am Ufer von Key Largo liegen konnte. Die Schnorchel-Reviere von Jamaika erkunden. Oder die Sonnenuntergänge auf den Bahamas bestaunen. Ja, schön war die Zeit. Und weit war die Welt. Heute ist man allenfalls ein Insulaner in den eigenen vier Wänden. Und diese Ein-, Zwei- oder Familiensiedelei zehrt an den Nerven.

Andererseits bietet sie Stoff für Satire. Seit Wochen geistern Cartoons und Scherzsprüche in rauen Mengen durchs Netz. Stimmt zwar: Vieles davon hat man schon so satt wie den Ausnahmezustand. Es findet sich aber noch manches, was das Gemüt in Zeiten des Stubenhockens aufhellt. Wie die Arbeit jener Parodisten, die derzeit auf YouTube mehr oder weniger professionell alte Pop-Hits mit neuen Krisentexten und Videos ausstatten.

Ein Glanzbeispiel liefert der Musiker Jon Pumper. Der leidet am oben erwähnten Fernweh und hat sich den Exotik-Hit schlechthin zum Vorbild gewählt, nämlich "Kokomo" von den Beach Boys - eine Ode, die hier aber zu dem Lamento "My Corona Home" gerät. Nach einem Beginn mit saftigen Südsee-Schauwerten kippt das Video in einen Alltag zwischen Streaming, Seifenkonsum, Solo-Schach und Zauberwürfel. Keine Sterne in Athen, stattdessen Schnaps im Eigenheim! Der sonnige Refrain der Beach Boys verkommt zu den trüben Worten: "Ah-Rubiks, Cornflakas / don’t give me handshakas / please remove-ah / your mama / time to watch my drama." Dazu übt sich der Protagonist wahlweise in Videokonferenzen unten ohne, Hamsterkäufen oder dem Balancieren von Styropor auf dem gelangweilten Haupt - und kein Ende in Sicht. Es dürfte diesem Eremiten jedenfalls die Zeit versüßen, dass sein Clip mittlerweile jenseits der 800.000 Klicks rangiert und, wenn man das noch sagen darf, viral gegangen ist.

Vertraut, doch aktuell

In der Musikgeschichte ist Pumper natürlich nicht der Erste, der einer alten Melodien neue Worte überstülpt. Schon Johann Sebastian Bach hat das Verfahren angewandt, wobei es dem Barockmeister nicht um Humor, sondern Zeitersparnis ging. Sein "Weihnachtsoratorium" ist darum so rasch entstanden, weil Bach seinen eigenen Notenschatz geplündert hat. Auch in der Unterhaltungsmusik hat Recycling Tradition. Ganze Kindergarten-Generationen haben "Hörst du die Regenwürmer husten?" gesungen - kaum einer weiß, dass die Melodie aus dem Musical "My Fair Lady" stammt und dort von einem Saufbold ganz anders gegrölt wird. Ein wahres Paradies für musikalische Wiederverwertungen sind schließlich Fußball-Stadien: Etliche Vereinshymnen sind über den Tönen von Pophits getextet worden. Eine sinnvolle Praxis - die vertraute Melodie muss nicht geübt werden, die neuen Worte bürgen für Gemeinschaftsgefühl hier und jetzt.

Aus diesem Grund sind Neutextungen wohl auch beliebt, wenn ein Ereignis von enormer Tragweite eintritt - und die öffentliche Meinung nach einem Lied der Stunde lechzt. Elton John hat dieses Bedürfnis gestillt, als er seine Ballade "Candle In The Wind", ursprünglich auf Marilyn Monroe gemünzt, in einen Nachruf auf Prinzessin Diana verwandelt hat. Ähnlich präzis traf die Erste Allgemeine Verunsicherung im Österreich der 80er Jahre den Zeitgeist, jedoch in anderem Zusammenhang. Auf dem Höhepunkt der Waldheim-Debatte krempelte sie den Falco-Hit "Rock Me Amadeus" zur höhnischen Aufforderung um: "Man muss wissen, wann ma geh’n muss".

"Les Misérables" daheim

Satire und Mitgefühl - zwischen diesen Polen sind auch die Corona-Songs angesiedelt. Wobei: Mag sein, dass es der US-Arzt und Komödiant Zubin Damania etwas zu weit treibt mit dem Schabernack. Allerdings ist sein Video "My Corona", eine Parodie auf den Rock-Hit "My Sharona", auch bereits Ende Februar entstanden. In den vier Minuten besingt er als Kunstfigur ZDoggMD das Virus als "My little Wuhan one" und würgt auf der Chinesischen Mauer eine Gitarre. Nun ja. Immerhin reichert Damania die Blödelei mit Prophylaxe-Tipps an.

Geschmackssicherer ein Beitrag des deutschen Regionalsenders rbb. Unter dem Titel "I Can’t Get No (Desinfection)" irrt ein Sänger in Plastikverpackung durch Berlin, um - gut, aber aus! - begehrtes Handgel zu ergattern.

Ähnliche Nöte quälen die Hongkonger Schauspielerin Kathy Mak in ihrem Clip. Zugegeben: Natalie Imbruglia hat ihren Welterfolg "Torn" 1997 deutlich richtiger gesungen. Dafür trifft Maks Covid-Cover einen Ton zwischen Lamento und Ironie: "There’s nothing left at the grocery store / I can’t find Pak Choi no more. / Where the hell’s the rice / why is it three times the price?", beschwert sie sich als maskiertes Rühr-mich-nicht-an.

Ein Feuerwerk an Sprachwitz entfacht daneben eine Virus-Version von "Bohemian Rhapsody", die mit den Worten losächzt: "Is this a fever, is it just allergies / caught in a lockdown, no escape from the families."

Familiensinn beweist ein Klick-Rekord aus England (mehr als zwei Millionen Aufrufe): Eine Ehepaar mit vier Kindern beschwört im Wohnzimmer vollbrüstig das Pathos von "Les Misérables", besingt in der Ballade "One Day More" aber keine Revolte, sondern unter anderem den Fußballmangel und die Skype-Unfähigkeit der Großeltern.

Nur logisch, dass mittlerweile auch die Stars mitmischen und Hand an ihre Hadern legen. Wie Neil Diamond, der von seinem Kamin aus "Sweet Caroline" in die Welt hinausorgelte. Eine Geste der Verbundenheit, aber auch ein Plädoyer für das Abstandhalten: Statt "touching hands" besang Diamond nun - etwas skurril, aber pädagogisch wertvoll - "washing hands".

Kollegin Carole King zog dieser Tage nach: Verbunden mit einem herzerwärmenden Appell hat sie ihre Ballade "So Far Away" mit sachten Textänderungen über die Web-Cam aufgenommen.

Am bewegendesten aber wohl jene Aktion, die Mitte März ohne neue Worte auskam. Dutzende Italiener stimmten von ihren Wohnungen aus in den Gefangenen-Chor aus Verdis "Nabucco" ein. In diesen Minuten geschah etwas, das wohl nur in der Musik zu erleben ist: Dass sich Klage in Trost verwandelt.