In der Riege der großen US-Songwriter mit Country-Bezug stand der Mann nie in der ersten Reihe. Und auch kommerziell kamen einflussreiche Alben wie das selbst betitelte Debüt von 1971 mit einem Charts-Spitzenplatz 154 im Kern- und Heimatland nicht als Triumphzug daher. Die Begeisterung, die der am 10. Oktober 1946 im US-Bundesstaat Illinois geborene Songwriter, Gitarrist und Sänger John Prine mit seinen Geschichten aus dem echten Leben bei seinem Publikum auslöste, dokumentiert seine Wirkungsmacht aber ebenso eindringlich wie diverse Respektsbekundungen durch namhafte Kollegen. Nicht von ungefähr sah ein gewisser Bob Dylan "puren Proust’schen Existenzialismus" in seinen Songs, von denen sich Johnny Cash unmittelbar für seine eigene Schreibarbeit beeinflussen ließ. Und anlässlich der Nachricht vom Tod des klein gewachsenen Mannes mit dem großen Talent erinnerte sich auch sein lebenslanger Verehrer Bruce Springsteen an nichts weniger als eine "nationale Kostbarkeit."

Zentrale Stimme des Chicagoer Folk-Revivals

Sozialrealismus, die auch deshalb bitter benötigte Dosis Humor und eine Erzählweise ohne Umwege bestimmten das Werk von John Prine, Bescheidenheit seine Erscheinung: Als der nach ersten Auftritten bei Open-Mic-Abenden in Chicago von Kris Kristofferson entdeckte und nach einem Konzertbesuch von Atlantic-Boss Jerry Wexler persönlich unter Vertrag genommene Briefträger und Hobbymusiker sein erstes Album als Profi aufnahm, hätte ihn die Studiosituation beinahe erschlagen. John Prine darüber in den Liner Notes zur 1993 erschienenen Kompilation "Great Days: The John Prine Anthology": "I was terrified. I went straight from playing by myself, still learning how to sing, to playing with Elvis Presley’s rhythm section."

Musikalisch wurde mit baldigen Klassikern wie "Sam Stone", dem Porträt eines drogenabhängigen Vietnam-Veteranen, oder der seinem Vater gewidmeten Kindheitserinnerung "Paradise" aber alles richtig gemacht. Zahlreiche Interpretationen dieser ersten Songs durch Namen wie John Fogerty, die Everly Brothers, Bonnie Raitt, Bette Midler, Joan Baez oder John Denver belegen es. Prine wurde zu einer zentralen Stimme des Chicagoer Folk-Revivals – und der Grundstein für eine fünf Jahrzehnte durchmessende Karriere war gelegt.

Nach insgesamt vier Alben auf Atlantic Records wie dem zurückgenommenen Zweitling "Diamonds In The Rough" (1972) und dem zum Abschied hinterlassenen Verkaufserfolg "Common Sense" (1975) wechselte Prine das Label und konnte 1979 für zwei Songs seines Albums "Pink Cadillac" den großen Sun-Records-Gründer Sam Phillips als Produzenten gewinnen. Gleichzeitig begann der Songwriter die Mechanismen der Musikindustrie zu hinterfragen, verabschiedete sich auch von Asylum Records und gründete mit Oh Boy in einer Art frühen Crowd-Funding-Aktion 1981 schließlich sein unabhängiges eigenes Label, auf dem er bis zuletzt veröffentlichte.

Tribut und Abschied

Im Jahrzehnt des Neonlichts coverte die Country-Supergroup The Highwaymen seinen Song "The Twentieth Century Is Almost Over", in Österreich huldigten ihm Kurt Ostbahn & die Chefpartie mit dem "Speed Of The Sound Of Loneliness"-Cover "Ka Idee": "Ka ldee, wos i da sogn soll / Ka Idee, wia i dir's erklär / I waß nua, i bin a so / Und mit’m Erklärn tua i ma recht schwer". Erst im Jahr 1991 erhielt der Musiker für sein Comeback mit "The Missing Years" den ersten von insgesamt zwei Grammys für das beste zeitgenössische Folkalbum. Das 2005 ausgezeichnete, akustisch gefärbte "Fair & Square" wiederum zeigte die gute alte Protestnatur in John Prine mit einer erheblichen Spitze gegen George W. Bush im Song "Some Humans Ain’t Human" in bestechender Form.

Gesundheitlich war der Songwriter, dem auf dem Album "Broken Hearts & Dirty Windows" im Jahr 2010 noch dienstjüngere Kollegen von Justin Vernon (Bon Iver) über Conor Oberst (Bright Eyes) bis hin zu Lambchop Tribut zollen sollten, bereits angeschlagen. Nach einer weiteren Krebsdiagnose 2013 gab sich Prine zwar noch kämpferisch, das rundum gelungene Album "The Tree Of Forgiveness" klang mit Songs wie "Summer’s End" oder "God Only Knows" im Jahr 2018 dann aber nach Abschied – und sollte tatsächlich sein letztes sein.

Nach Tagen des Bangens ist nun der Tod des an Covid-19 erkrankten Musikers zu beklagen. John Prine wurde 73 Jahre alt. Das Szenario seines Songs "When I Get To Heaven" aber stimmt hoffnungsfroh: "When I get to heaven, I’m gonna shake God’s hand / Thank him for more blessings than one man can stand / Then I’m gonna get a guitar and start a rock-n-roll band / Check into a swell hotel; ain’t the afterlife grand?"