In einem Teaser-Video zu seiner Single "Isabella"  sucht Hamilton Leithauser einen Friseurladen auf, um sich von der Singer-Songwriterin Maggie Rogers die neuerdings recht langen Haare in Fasson bringen zu lassen und um Komplimente für sein neues Album "The Loves Of Your Life" zu fischen. Auf der Wange trägt er ein Pflaster – Souvenir des vorangegangen Teaser-Videos, in dem der Schauspieler Ethan Hawke gar nicht positiv auf den Song "Here They Come" reagiert hat.

"Wann hast du angefangen, Platten zu machen?", fragt Maggie, während sie an Hamiltons Haaren herumschnipselt. "Nun . . . " grübelt dieser, "das ist schon ein bisschen her. Ich glaube, meine erste Platte kam 2000 raus." "Ich glaube, da war ich sechs. Wow . . .", rekapituliert die Friseurin und räsoniert: "Es muss doch ziemlich einsam sein, so ganz allein jetzt. Du hast die Platte doch praktisch allein gemacht?" Hält inne, betroffen: "Hamilton, weinst du?" Dieser: "Nein, nein, ich hab da nur ein Haar ins Auge gekriegt."

Das kleine Rührstück birgt historische Wahrheit. Hamilton Leithauser, demnächst 42 Jahre alt, ist ein Mann mit großer Vergangenheit, der nun irgendwie einen gangbaren Kurs durch die Gegenwart finden muss. Stilgefühl, wie es sich in selbstironischen Promotion-Ideen wie besagten Teaser-Videos manifestiert, ist schon einmal keine schlechte Voraussetzung dafür. Dass Leithauser mit seiner Stimme Mauern erzittern lassen kann, sollte auch nicht von Nachteil sein. Noch weniger, dass er formidable Songs schreibt. Das Problem: Von alledem wissen zu wenig Menschen.

Leithauser war Sänger der Walkmen, einer zunächst kriminell unterbewerteten, durch das von afrikanischen Musiken beeinflusste Gitarrenspiel des Gitarristen Paul Maroon mit Grandezza und Eleganz geadelten Ausnahme-Formation unter den Retro-Bands der frühen Nullerjahre. Immerhin wuchs die Gefolgschaft der Walkmen kontinuierlich, ehe die Band, ausgelaugt von vielen Touren und paralysiert von routinemäßiger innerer Gruppendynamik, um 2013 eine Auszeit nahm.

Leithauser und Maroon, ihre kreativen Köpfe, haben allerdings all die Jahre über weiterhin eine intensive Zusammenarbeit verfolgt. Schon auf Leithausers erstem, halb in der Crooner-Ära von Sinatra & Co verwurzeltem Soloalbum "Black Hours" (2014) hatte Maroon als Co-Autor, Gitarrist und Pianist einen wesentlichen Impact. Und auch auf "The Loves Of Your Life" hat Maroon nun wieder Kompositionsanteile, greift hin und wieder in die Saiten und spielt Trompete. Am Klavier schupft Jon Batiste die schwierigeren Parts; sporadisch bereichern Bläser und eine Pedal-Steel-Gitarre das Klangbild. Alles andere, die basischen Gitarren, Schlagzeug, Keyboards etc., erledigt Leithauser selbst, stimmlich bisweilen unterstützt von seinen Töchtern Georgiana und Frederika sowie seiner Frau Anna Stumpf.

Weiträumigkeit

Ähnlich wie bei "Black Hours" und "I Had A Dream That You Were Mine", seiner Kooperation mit Ex-Vampire-Weekend-Wizzard Rostam Batmanglij von 2016, und eigentlich schon seinerzeit bei den Walkmen gräbt Leithauser wieder tief in der Vergangenheit. Er sucht sein künstlerisches Habitat in einer Zeit, als Jazz, Rhythm & Blues, Soul und Rock ’n’ Roll noch miteinander kommunizierten. Orchestrale Arrangements, verhallte Drums, Blues-Melancholie, etwas Country-Einschlag hier und ein Schiffer-Klavier da verfließen bei ihm in eine Weiträumigkeit, die zum Sich-Verlieren einlädt. Der Einzige, der das Ganze torpediert, ist Leithauser selbst – beziehungsweise seine Stimme, die hoffnungslos outriert und an allen möglichen und unmöglichen Stellen aufjault/-schreit, als habe man den Sänger mit einer Nadel in den Hintern gepiekst.

Das ist schade, denn damit erweist Leithauser den interessanten Geschichten, die er auf dieser Platte erzählt, keinen optimalen Dienst: Von Isabella, die nie erwachsen wird, weil ihr die Eltern die Miete ihrer Wohnung in Manhattan zahlen. Von dem Mann, der ständig mit der Fähre zwischen Long Island und Connecticut hin- und herfährt. Von der polnischen Immigrantin, die nach einem furchtbaren Streit ihrem Mann davonfährt. Leithauser erhebt sich nicht über diese teils fiktiven, teils realen Figuren, aber sein Zugang zu ihnen ist auch nicht romantisch verklärt. Recht schön erfasst hat ihn das Magazin "Loud And Quit": "Er schreibt mit einem Auge auf das Paar, das die Wellen am Strand beobachtet, und einem aufmerksamen anderen auf die Möwe, die es auf ihre Fish ’n’ Chips abgesehen hat."