Ein Moment kompletter Stille klingt wie ein technisches Gebrechen. Im Opener der neuen Yves-Tumor-LP "Heaven To A Tortured Mind" setzt zweimal für jeweils vielleicht eine Zehntelsekunde der Sound aus. Reflexhaft stellt sich als Erstes der Gedanke an einen Defekt des Streams, der digitalen Datei oder der CD ein. Ein winziges Detail, das veranschaulicht, wie sehr diese Platte, deren Titel ein wesenhaft utopisches Erlösungsversprechen gibt, in einer Gegenwart verhaftet ist, in der bekanntermaßen nichts mehr "rund läuft". Erlösung – durch Liebe, Sex und Spiritualität, das All-inclusive-Programm für Körper und Seele – ist denn auch das universale Thema des Albums. Dessen angesprochener Opener trägt den auch nicht wirklich tiefstapelnden Titel "Gospel For A New Century" und ist im Übrigen ein echtes Knallbonbon mit mörderischen Bläsern auf betonschwerem Funk-Rhythmus.

Hinter Yves Tumor verbirgt sich ein Mensch, der bürgerlich auf den Namen Sean Bowie hört. Angeblich. Gewissheit gibt es keine, weil Mysterium und Geheimnisse zu Tumors wichtigsten Assets im Ringen um Aufmerksamkeit auf einem vielfach übersättigten Markt gehören. Yves Tumor versteht sich als geschlechtsneutrales Wesen und will für sich gerne das Pronomen "they" angewandt wissen. In der angloamerikanischen Sphäre wird das vor allem in den seriösen Medien zwischen der "New York Times" und dem "Guardian" auch brav durchexerziert. Im deutschen Sprachraum ist diese Praxis eher auf spezifische Fachperioka wie das hiesige Online-Musikmagazin "skug" beschränkt.

Knistern und Knattern

Die "Wiener Zeitung" wird davon Abstand nehmen, soweit es um die Person Sean Bowie geht: Nicht zuletzt weil dessen Live-Shows eine, sagen wir, einigermaßen großzügige Versorgung mit Testosteron indizieren, wird hier der Singular Maskulinum verwendet. Jedenfalls ist Bowie im provinziellen Knoxville, Tennessee, aufgewachsen, hat sich dort Gitarre und Keyboards selbst beigebracht und schon im Keller des Elternhauses Amateuraufnahmen gefertigt. Nachdem er das heimatliche Domizil verlassen hatte, bezog er in L.A. Quartier; heute lebt er angeblich in Turin.

Über die Jahre hinweg hat er unter verschiedensten Namen Musik gemacht, bis er schließlich als Yves Tumor Wurzeln schlug. "Seinen Fokus fand" wäre in diesem Zusammenhang vielleicht etwas irritierend, denn die ersten Yves-Tumor-Platten unterscheiden sich noch ziemlich stark von dem, was Bowie heute macht: Sie sind ausschließlich oder überwiegend instrumental, basierten hauptsächlich auf Field Recordings und Loops und präsentieren sich als anregende Mischung aus Ambient-artigen Klangflächen, Noise und Überraschungsmomenten. Dieses Gemenge spielte einige gewaltige Stückerln wie etwa "Property Awareness" von der 2017 von Bowie selbst editierten Kompilation "Experiencing The Deposit Of Faith": Es beginnt mit einer sphärischen Melodie, deren anheimelnder Appeal allmählich in Knistern und Knattern verlöscht, während ein unheimlich schmalziges Saxofon "Yesterday" anstimmt und sich seinerseits gegen Scheppern und Geräusche wie von Schüssen behaupten muss.

Schweinerock-Attacken

Solche Clashes von scheinbar nicht zusammenpassenden Stilmitteln und Idiomen hat Bowie auch noch praktiziert, als er mit dem gewaltigen Album "Safe In The Hands Of Love" 2018 näher an Pop und Rock heranrückte: "Hope in Suffering (Escaping Oblivion & Overcoming Powerlessness)" etwa hebt mit Sounds an, die an einen Schwarm Bienen denken lassen, ehe Bowie, begleitetet von Dröhnen und einem Geknatter, das wahlweise von Maschinengewehren oder Hubschraubern stammen kann, als böser Dämon über Verderben und Todesverlangen referiert.

"Heaven To A Tortured Mind" ist, verglichen mit dem Vorgänger-Album, etwas konzentrierter. Entfernt mutet es an wie eine 21.-Jahrhundert-Version von David Bowies Berlin-Trilogie, insbesondere "Low", oder auch "The Downward Spiral" von den Nine Inch Nails: Industrial Rock, angereichert mit Soul, Funk, R & B und spaciger Psychedelia. Gaststimmen wie Singer-Songwriterin Diana Gordon, Julia Cumming von der Indie-Band Sunflower Bean oder die zwischen Pop und Quasi-Avantgarde vazierende Sängerin & Cellistin Kelsey Lu stehen dem stimmlich eher limitierten Protagonisten bei, und die Neigung der Gitarristen zu Schweinerock-Attacken wusste Produzent Justin Raisen clever zwischen elektronischen Auszuckern zu verstecken. Auf dass der Himmel dem gequälten Bewusstsein in aller ungemütlichen Pracht erstrahle.