Es blitzt aus der Kamera. Man wird geblendet, es folgt der Moment der ganz eigenen Lichtshow. Vor dem inneren Auge tanzen die Farben. "Kodak Dream" nennt Manfred Engelmayr, Frontman der österreichischen Band Bulbul, diesen Effekt und gibt einem auf seiner Facebook-Seite gleich einen Ratschlag dazu mit auf den Weg: "Also: Wenn du dich einem schockierenden Ereignis ausgeliefert siehst: mach was draus."

in Hitchcocks "Das Fenster zum Hof" eine Waffe zur Selbstverteidigung, und auch bei Bulbul ganz schön grell: der Kamerablitz.    - © Klaus Pichler
in Hitchcocks "Das Fenster zum Hof" eine Waffe zur Selbstverteidigung, und auch bei Bulbul ganz schön grell: der Kamerablitz.    - © Klaus Pichler

Früher generierte man diese geballte Ladung an Energie aus Blitzwürfel. Aktuell ziert ein solcher auch das Cover des neuen Albums von Bulbul. Doch nicht nur für die Hülle hat Bulbul aus der Vergangenheit geschöpft. Auch die Musik auf "Kodak Dream" groovt dank unzähliger Stilelemente aus Rock, Minimal Music, Pop, Elektronik und Disco formidabel dahin. Die vielen Rückgriffe bedeuten aber keineswegs, dass sich das aktuelle Album bloß aus schon Dagewesenem speist. Dafür ist es viel zu verspielt - mit Hang zum Experiment. Es werden erfolgserprobte Melodien, Bass-Lines und Rock-Riffs angerissen und – sei es durch gnadenlose Übertreibung, sei es durch opulente Dekoration mit Hall und Verzerrung - ad absurdum geführt. Oder Stil-Elemente werden in ihr Gegenteil verkehrt und Rhythmen gebrochen. Dann wieder schrammen schwere Gitarrenriffs und Basstunes gerade noch am Metal vorbei, und kosmische Sounds erzeugen eine spezielle Atmosphäre. Was den Gesang betrifft, so changiert dieser zwischen manchmal beinah engelhaften Stimmen, verzerrter Indiepop-Vocals und kühl wie distanziert intonierten Lyrics; des Öfteren mündet er auch in einem Chor. 

Auch eine Coverversion gibt es: "Directions", mit 5:25 das zweitlängste Stück des Albums, ist eine geradlinige Verwandlung eines Pop-Songs der Norwegerin Ane Brun in einen funky Discohadern. Und auch ein "fade out" darf nicht fehlen, wie man am langsamen Niedergang der Gitarrenlawine aus Orlac, Song Nummer 3, hören kann.

Zwischen den treibenden und coolen Songs finden sich instrumentale Inseln: "Make it schnella", das Reminiszen an elektroakustische Pionierarbeiten weckt, und das rhythmisch galoppierende, schöne "Nacht egal" gehören dazu. Phonetisch nah an der "Nachtigall" weist der Songtitel wohl auf diese Bedeutung hin, die Bulbul unter anderem im Persischen hat. Und da kaum ein Bandporträt von Bulbul ohne Verweis auf die vielen Bedeutungen ihres Bandnamens auskommt, sei auch hier angemerkt, dass etwa eine Straße in Sarajewo und eine dänische Uhrenmarke auch so genannt werden wie zwei Vogelfamilien oder eine Ortschaft in Syrien. Außerdem tragen fünf der insgesamt acht Tonträger von Bulbul diesen Namen.

Abwechslungsreich und vielfältig: Wie der Name so die Musik, könnte man daraus schlussfolgern. Das Trio, das aus Manfred Engelmayr, auch als frel, schruns tschaguns und vor allem als Raumschiff Engelmayr bekannt, Dieter Kern ("dd kern") und Roland Rathmair ("der hunt") am Bass besteht, gibt es mittlerweile seit fast 20 Jahren. Gegründet wurde Bulbul aber bereits 1996 in Wels im Umfeld des Kulturvereins Waschaecht im Kulturhaus Schlachthof – und zwar als Soloprojekt von Raumschiff Engelmayr. Er musizierte dort mit Gitarre, Drumcomputer und diversen Geräten wie Staubsauger und veröffentlichte bereits in seinen Welser Jahren zwei Alben als Bulbul, darunter die schwere – da in einen handgemachten, dicken Umschlag aus Stahl gepackten – CD "Bulbul" (1997, Trost Records).

- © Bulbul, Klaus Pichler
© Bulbul, Klaus Pichler

Das Faible für eigenwillige Verpackungen dürfte geblieben sein, wenn man zum Beispiel an Bulbuls EP "Velo" (erschienen 2002, Trost Records) denkt, die in kleine grün Döschen ehemaliger Reparatursets für Fahrräder gesteckt wurde. Oder das Cover-Artwork von Album Nummer 4, erschienen 2003 (ebenfalls bei Trost Records), das in zehn unterschiedlichen Versionen vertrieben wurde. Dieser Tonträger war auch der erste in der aktuellen Besetzung mit Sitz in Wien. Alle drei Musiker von Bulbul sind außerdem in vielen Seitenprojekten und anderen Bands aktiv, darunter  Broken Heart Collector (das ist Bulbul erweitert um die Bassklarinettistin Susanna Gartmayer und die Sängerin Maja Osojnik), das Duo Good Enough for You (Geräusche: Engelmayr, Stimme: Karin Ankele), Fuckhead oder Quehenberger/Kern.

Sechs Jahre sind bereits vergangen, als Bulbul zuletzt mit einem frischen Album ("Hirn fein hacken") auf Tour gingen. Es bleibt abzuwarten, ob es mit "Kodak Dream" nicht nochmal sechs Jahre dauern wird. Einen neuen Versuch gibt es noch heuer im September.