Kämpfen lohnt sich: Fiona Apple. - © Sony Music
Kämpfen lohnt sich: Fiona Apple. - © Sony Music

Der richtige Albumtitel zur richtigen Zeit: "Fetch The Bolt Cutters" ("Holt die Bolzenschneider") fiel dieser Tage mit der Wiedereröffnung der Baumärkte zusammen. Wobei man sich nicht täuschen sollte. Im Falle der US-Musikerin Fiona Apple geht es dann eh nicht um Heimwerkertum im Sinne von Bodenverlegen und Wände einziehen. Zwischen Selbsttherapie, Vergangenheitsbewältigung und einer Einordnung des Status quo inklusive des sich selbst zugesprochenen Muts für die Zukunft hat man es eher mit etwas zu tun, für das so bundesdeutsch wie leicht verunglimpfend eigentlich der sogenannte Seelenklempner zuständig ist. Es geht also um ein therapeutisches Sich-Abarbeiten am Ich und der Welt auf kämpferisch fruchtbarem Boden.

Ihr Image als Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs hat Fiona Apple wiederholt, wenn auch zwischen 1996 und 2012 lediglich auf vier Studioalben gezeichnet. Der Kampf gegen alte Traumata und ihre Folgen im zerrütteten Selbst stand auf dem Programm. Der fiel auf dem millionenfach verkauften Debüt "Tidal" noch weitgehend mehrheitsfähig aus. Nicht zuletzt der als "When The Pawn ..." gekürzelte Nachfolger von 1999, temporär bekannt als Rekordträger für den längsten Albumtitel aller Zeiten, der an dieser Stelle einen eigenen Absatz füllen würde, die Verweigerung von Geschäftsnotwendigkeiten wie Interviews und der Rückzug in die Heimisolation lange vor Zeiten der Heimisolation allerdings markieren Apples von einer gewissen Antihaltung gekennzeichneten weiteren Karriereweg.

Es rappelt im Karton

Nachdem sie die Marketingabteilung ihrer Plattenfirma im Jahr 2012 noch einmal hatte verzweifeln lassen, obwohl das damals erschienene Album einen vergleichsweise memorablen Namen trug ("The Idler Wheel Is Wiser Than the Driver of the Screw and Whipping Cords Will Serve You More Than Ropes Will Ever Do"), herrschte Funkstille - mit einer Ausnahme, die nun auch auf dem neuen Album nachwirkt: Mit ihrem Abzählreim gegen den US-Präsidenten Donald Trump ("Grab them by the pussy"), bei Apple manifestiert als "We don’t want your tiny hands / Anywhere near our underpants", wurde der zentrale Schlachtruf zum Women’s March in Washington im Jänner 2017 geliefert.

Musikalisch spitzt die heute 42-Jährige auf "Fetch The Bolt Cutters" in aller Konsequenz zu, was 2012 erstmals mit dem Song "Hot Knife" ausformuliert wurde. Das Klavier hat seine Rolle als erste Geige verloren und rückt zugunsten der menschlichen Stimme und programmatisch eingesetzten Percussion-Geklappers in den Hintergrund. Es rappelt also im Karton und erinnert nicht von ungefähr an historisch untermauerte Marschrhythmen zum Sturm auf das System.

Mitteilungsbedürfnis

Das - selbstverständlich - heimisoliert aufgenommene Album, auf dem man entsprechend auch Fiona Apples durch das Wohnzimmer streunende Hunde beim Bellen hört, so nicht die Knochen eines verstorbenen Vierbeiners selbst zum Rhythmusinstrument werden, schlägt dabei zahlreiche Brücken. Abseits gängiger Strophe-Refrain-Schemata und mit überraschenden Umbrüchen versehen, treffen Doo-wop-Gesänge und Choral-Arrangements aus dem Hintergrund auf die galligen Verse einer Preacher Woman, die nicht predigen will. Aber auch stark abstrahierte Nachwehen des Industrial-Genres kann man zwischen nächtlichen Jazzsphären mit Kontrabass und einem als Textlawine herniedergehenden Mitteilungsbedürfnis vernehmen, das sich über die Jahre angestaut hat.

Inhaltlich geht es nach einem gar nicht so stummen Schrei nach Liebe ("I Want You To Love Me") bald um den K(r)ampf mit der Selbstakzeptanz, der bei Stücken wie "Shameika" in der Schulzeit und hier vor allem im Schatten der Cool Kids auf dem Pausenhof wurzelt. Neben den eigenen Depressionen ("Heavy Balloon"), einer Unmöglichkeit namens Monogamie ("Cosmonauts") und dem omnipräsenten Feld der Frauenbeziehungen und der Frauensolidarität ("Ladies") beschäftigt sich Fiona Apple aber auch mit dem autobiografisch erlittenen Thema der Vergewaltigung ("For Her"). Der kämpferische Grundton tut also buchstäblich not - und wird als Statement zum Abschluss mit "On I Go" noch einmal forciert.

In den USA wird "Fetch The Bolt Cutters" bereits als Meisterwerk und Album nicht nur dieses Jahres gefeiert. Das Kämpfen hat sich also ausgezahlt.