Zumindest die Toten, so scheint es, können dem Jazz-Plattenmarkt noch neues Leben zuführen. Im Jahrestakt entsteigen derzeit "vergessene" Alben dem Orkus der Geschichte: 2018 fand John Coltranes "Both Directions At Once" reißenden Absatz, 2019 erschien mit "Blue World" ein weiteres Nachwort des Verblichenen, danach kurbelte Miles Davis’ "Rubberband" den Verkauf an, dieser Tage feiert Nina Simone ein posthumes Comeback. Es drängt sich der Verdacht auf, die großen Plattenfirmen beschäftigen dieser Tage lieber ein Archiv-Trüffelschwein als einen Talentscout für die Welt da draußen.

Im Falle von Nina Simone hat die Nachlassforschung nur leider keine Perle zutage gefördert, sondern ein Schmerzenswerk, dem der Mantel des Schweigens gut anstand: "Fodder On My Wings", 1982 in Paris aufgenommen und damals bei der französischen Firma Carrere erschienen, dokumentiert den Karriere-Tiefpunkt der Hohepriesterin des Souls.

Zeitsprung zurück: Anfang der 60er Jahre war Nina Simone die Jazz-Sensation in der New Yorker Carnegie Hall - eine Erscheinung, die einen dunkelglosenden Gesang mit einem kontrapunktischen Klavierspiel verband. Wenig später begann die Frau aus North Carolina, dem Establishment den Rücken zu kehren und der Bürgerrechtsbewegung mit Protestsongs wie "Mississippi Goddam" Munition zu liefern: Die klassisch studierte Pianistin avancierte zur Rachegöttin der Black Community.

Danach arbeitete Simone aber leider vor allem an ihrer Selbstvernichtung. Zwischen Europa und ausgedehnten Afrika-Aufenthalten, wechselnden Liebhabern und Drogen pulverisierten sich ihr Besitz und Ruhm. Es waren Jahre des Chaos und wohl auch des zunehmenden Irrsinns. Simone, von Männern geschlagen und selbst Peinigerin ihrer Tochter, litt an einer bipolaren Störung, die erst spät diagnostiziert wurde. Seelisch und finanziell zermürbt, strandete sie 1981, im Alter von knapp 50 Jahren, in Paris. Sie spielte für ein Butterbrot in Kaschemmen und rührte dafür angeblich selbst auf der Straße die Werbetrommel. Eine Galionsfigur war zur Schiffbrüchigen geworden.

Dünne Songs, übel gesungen

Schweres Leid kann große Kunst zeitigen, heißt es. Elend kann einen Künstler aber auch zerbrechen. Es ist eher diese Dynamik, die sich auf "Fodder On My Wings" vermittelt. Das Album, nun bei Verve neu erschienen, ist geradezu pietätslos schlecht.

Das liegt zum einen am Songmaterial. Der Großteil der 13 Stücke wirkt so ruinenhaft wie der Zustand der Frontfrau. Der Text von "Vous êtes seuls, mais je désire être avec vous" besteht nur aus den Worten im Titel, die in einer Endlosschleife gesungen werden. Das ergibt nur darum einen Song, weil die Band dazu einen Schablonen-Blues spielt. Andere Lieder, etwa "Stop" und "Color Is A Beautiful Thing", zeigen sich mitteilsamer, bleiben melodisch aber auf dem Niveau eines Auszählreims.

Das größere Unheil ist freilich Simones Verfassung. Auch ein satter Halleffekt kann ihren vokalen Verfall nicht kaschieren. Die einstige Donnerstimme des Aufbegehrens schlingert zwischen richtigen und falschen Noten, das Timbre ist brüchig geworden.

Im besten Fall vermittelt dies eine schaurige Authentizität. Bei der Entäußerung ihres Leidensdrucks nimmt Simone kaum Rücksicht auf die Maßstäbe der Musikwelt, das beweist ihre Fassung von Gilbert O’Sullivans "Alone Again (Naturally)" schmerzlich: Allein am Klavier, weitet sie die Nummer zur Meditation über den Tod ihres Vaters aus. Dass mittendrin seifige Synthie-Streicher auftauchen, wirkt eher grotesk als auflockernd.

Afro-Beat trifft Cembalo

Auch andernorts sorgt das Arrangement für eine bizarre Note, vor allem in der titelgebenden Nummer: "Fodder In Her Wings" beginnt mit afrikanischer Perkussion, bevor ein Cembalo-Solo (!) an Nina Simones Barock-Begeisterung erinnert. Danach schmiegen sich üppige Klaviergirlanden an glitschige Sounds aus dem Keyboard, und es beginnt doch noch eine Art Ballade mit weher Stimme: "Oh, how sad", heißt es da. Stimmt zwar, zwei quirlige Karibik-Nummern ("Liberian Calypso", "Il y a un baume a Gilhead") erleben die Schmerzensfrau deutlich frischer. Es hat dennoch gute Gründe, warum die Filmdokumentation "What Happened, Miss Simone?" (verfügbar auf Netflix) die Pariser Tage nur zart streifte.

Was bleibt, ist der Trost der Geschichte. 1987 hat Nina Simones Karriere noch einmal begonnen: Ein Werbespot machte die Popwelt mit "My Baby Just Cares For Me" bekannt - einer Aufnahme, die ironischerweise schon Jahrzehnte davor auf Simones Debütalbum beim Label Bethlehem erschienen war. Es hätte vieles dafürgesprochen, eher dieser Scheibe zu neuem Publikum zu verhelfen.