Im Jahr 2017 hatte die "Wiener Zeitung" Gelegenheit, mit Katie Stelmanis zu telefonieren. Die in Kürze 35 Jahre alt werdende Kanadierin lettischer Abstammung hatte mit ihrer Band Austra gerade das dritte Album "Future Politics" veröffentlicht. Dem LP-Titel entsprechend, war Stelmanis damals Feuer und Flamme für politisches Engagement im Pop und der Überzeugung, dass Kultur einen wesentlichen Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen könne.

Drei Jahre und eine zerbrochene Beziehung später ist von Politik nichts mehr zu hören, stattdessen tut sich ein Scherbenhaufen auf einem zwischenmenschlichen Schlachtfeld auf - mit Argwohn, Zweifel, Resignation, Trotz, im besten Fall euphoriefreier Selbsterkenntnis als Erntegut. Offensichtlich gibt es Situationen, da vergeht einem die Politik, sofern diese nicht eh schon von sich aus dafür gesorgt hat.

Das Großartige am neuen Austra-Album "Hirudin" ist, dass es sowohl die ihm zugrunde liegenden emotionalen Turbulenzen wiedergibt, wie es auch musikalisch mit souveräner Grandezza darüber hinwegschwebt. Schon dem Titel ist dieser Antagonismus immanent: Stelmanis, grundsätzlich sehr lesefreudig, hat sich über Blutegel schau gemacht und herausgefunden, dass die beim Blutsaugen ein Polypeptid mit blutgerinnungshemmenden Eigenschaften, das Hirudin genannt wird, absondern: Einerseits Parasiten, eignen ihnen also andererseits auch heilende Wirkungen. Ähnlich "toxischen Beziehungen": An ihnen könne man wachsen und viel über sich selbst erfahren.

Privates Chaos

In einer solchen "toxischen Beziehung" hatte sich Katie Stelmanis in den letzten Jahren selbst verfangen. Deren Beendigung und Bewältigung veränderte nicht nur ihr Leben, sondern auch ihren Zugang zum Musikmachen: Sie trennte sich von Stammkräften wie der bei Live-Auftritten stets immens gelangweilt dreinschauenden Drummerin und Co-Produzentin Maya Postepski und arbeitete mit Musikern, die sie nie zuvor getroffen hatte: einem Kinderchor, dem wilden Freistil-Ensemble c_RL und allerlei regionalen Spezialisten für orientalisches Instrumentarium wie die Kamantsche (die sogenannte Stachelgeige) oder philippinische Gongs. Deren Beiträge ließ sie live einspielen, verwurstete sie dann in einem spanischen Studio im Sampler und editierte das Ganze, unterstützt von Rodaidh McDonald (The xx, Sampha, Savages) und Joseph Shabason (The War On Drugs, Destroyer) als Co-Produzenten.

Diese Art der Endfertigung hat ihren Teil dazu beigetragen, dass sich "Hirudin" oberflächlich erstaunlich wenig vom bekannten, wendigen, elektronisch dominierten und dabei doch körperhaften Austra-Sound abhebt. Nur selten sind die Beiträge der Gäste so klar auszumachen wie der Kinderchor in "Mountain Baby" oder die c_RL-Bläser im Instrumental "Interlude II", das ruhig etwas länger als 35 Sekunden hätte dauern dürfen. Es benötigt mehrmaliges und einigermaßen genaues Hinhören, um zwischen Synthies, Pianos, rollenden Bässen und zupackender Percussion hin und wieder wie kleine Sternschnuppen Klangspitzen von Streichern oder verfremdeten Bläsern auszumachen. Auffälligere Arbeit leistete eher das Produktionsteam, indem es mit der opernchorgeschulten Stimme der Protagonistin auf Achterbahnfahrt ging: sie auf absurde Höhe pitchte wie in der Vorab-Single "Risk It", ergänzend als Background-/Konterstimmen einsetzte oder zu imposanten Chören aufblähte.

Intensitätssteigerungen

Dramaturgisch folgt die Platte Stelmanis in ihrem privaten Chaos: Dem Beziehungssumpf, der Befreiung daraus und schließlich den Konsequenzen, die sie aus ihren Erfahrungen zieht. Wir erleben ungesunde Emotionen wie Mutlosigkeit, Eifersucht, Schuldgefühle und Selbstzweifel, ungute Dinge wie gegenseitiges Ausspionieren, Vorwürfe und hässliche Worte wie "you called me a whore as if it were a bad thing / Maybe you’re just jealous / I’m so tired of listening to you". Der Vorhang fällt. Was bleibt, ist nüchterner Realismus.

"Anywayz", in dem sich Frustrationen und Hoffnungen noch die Waage halten, ist der sprichwörtliche Auftakt nach Maß: Nach ätherischem Einstieg geht es in eine House-artige Schleife, die vorführt, wie viel Dynamik diese zunächst eher filigran anmutende Musik entfachen kann. Und es zeigt sich auch, dass Stelmanis’ Stärke als Sängerin just dort liegt, wo es bei anderen Sängerinnen - sagen wir, Sarah McLachlan oder, Gott hab sie selig, Dolores O’Riordan - gefährlich werden kann, nämlich in den inbrünstigeren Bereich.

Mit ihrer stimmlichen Sicherheit kann Stelmanis tatsächlich Intensitätssteigerungen und ein Gefühl von Beschleunigung erzeugen. Solchermaßen vermittelt "Hirudin", trotz langsamerer Songs wie dem tief verletzten "All I Wanted" und vereinzelten Brüchen mit herkömmlichen Songstrukturen einen zügigen Grundspeed. Am schönsten kommt das in "Messiah", das seine gospelartige Tonalität auch nicht verliert, als der Song nach getragenem Beginn Fahrt aufnimmt wie ein Shinkansen und, geleitet von himmlischen Chören, flirrenden Synthesizern und einer behänden Piano-Figur, ungebremst zum leider allzu frühen Ende saust.