Der Zufall wollte es, dass ich im Radio "Luka", den legendären Song von Suzanne Vega (aus dem Jahr 1987), hörte, bevor ich mich "Out Of My Province", dem neuen Album der neuseeländischen Singer/Songwriterin Nadia Reid, widmete (erschienen bei Spacebomb). Und siehe, nein, höre da: Es war wie eine Art Fortsetzung.

Ein ähnlich souveräner Vortrag, eine bereits beim erstmaligen Erklingen die sanfte Eindringlichkeit eines zeitlosen Klassikers verströmende Präsenz. Vor allem der Song "Other Side Of The Wheel" (Nr. 5) vermittelt diesen Eindruck, es trifft aber auch auf alle anderen (neun) zu. "Oh Canada" (Nr. 3), eine wunderbar stimmige Ode an Reids Lieblingsmusiker des nordamerikanischen Landes, u.a. Rufus Wainwright und Joni Mitchell, ist ein weiterer Kandidat für das Song-Prädikat "primus inter pares".

Das dritte Album der 27-jährigen, aus Port Chalmers stammenden Sängerin und Gitarristin mit dem rundlichen Gesicht und der noch rundlicheren Brille ist eine klingende Road-Novel. Es erzählt Reisegeschichten, in denen es freilich mehr um Menschen als um Orte geht, und wurde in den USA aufgenommen. Zu einer großen Tournee-Reise ist es - aus bekannten viralen Gründen - leider nicht mehr gekommen (Reid gibt inzwischen, wie so viele Künstler weltweit, Streaming-Konzerte). Ihr für April geplanter Auftritt im Wiener Haus der Musik wurde auf 22. September verschoben - und wird dann hoffentlich stattfinden können.

Reids Kanada-Referenz hätte auch der in Vancouver lebenden Sängerin Frazey Ford gelten können, die heuer ebenfalls ihr drittes Album, "U kin B the Sun", herausgebracht hat (bei Arts & Crafts). Eine Ausnahmekönnerin, wie diese in einem steten Fluss aus Soul, Blues, Psychedelia und 70er-Jahre-Funk dahingleitende Platte an jeder Stelle belegt. Die 1973 als Tochter eines amerikanischen Vietnamkrieg-Verweigerers in Kanada geborene und in einer Kommune aufgewachsene Sängerin ist Mitglied des Folk-Trios The Be Good Tanyas - und hat von frühester Jugend an Dylan, Young, Mitchell einerseits, Al Green und Roberta Flack andererseits aufgesogen, und verströmt diese traditionelle Aura nun mit einer souveränen Gelassenheit.

Ein Satz wie "To me those songs have some kind of spiritual quality" machte einen bei anderen Interpretinnen leicht stutzig bis reserviert - hier, bei dieser im Sommer 2018 aus Sessions mit zwei Musikern (und Produzenten John Raham) hervorgegangenen Songsammlung, ist er absolut gerechtfertigt. Ein schöneres und beseelteres Album habe ich in diesem ersten Quartal 2020 (einem - Corona zum Trotz - reichhaltigen & qualitätsvollen musikalischen Abschnitt) nicht gehört. Dürfte ich nur eine Platte in eine etwaige Quarantäne mitnehmen, würde ich mich für diese entscheiden. Sie verkürzte den Heilungsprozess zweifellos nachhaltig.

Big Fox: See How The Light Falls
Big Fox: See How The Light Falls

Eine (Krebs-)Erkrankung hat im Frühjahr 2018 das Erscheinen des dritten Albums der Schwedin Charlotta Perers, die unter dem Aliasnamen Big Fox auftritt, verhindert. Einzelne Songs wurden auf diversen Plattformen (bis zu einer Million Mal) zwar gestreamt, aber als Gesamtes wurde "See How The Light Falls" (Back-seat) zurückgehalten - und erst nun, Ende März 2020, herausgebracht. Die aus Malmö stammende Sängerin und Pianistin ist mittlerweile zum Glück wieder gesund - und hat auch eine musikalische Wandlung durchgemacht. Nach den ersten beiden Alben ("Big Fox", 2011, "Now", 2013), die zarten, mädchenhaften Kammerpop darboten, wirkt Big Fox nun deutlich erwachsener - und erinnert in einigen Songs frappant an Cat Power. Ihre Stimme klingt dunkler, verschatteter - und damit interessanter: "All I’m Trying" ist eine waidwunde Ballade, "Watching The Garden" ein verwunschener Märchensong, "Let Love In" ein heller Silberstreif. Nach zwei Dritteln stagniert das Album in etwas steifem Wohlklang, trotzdem ist es ein in jeder Hinsicht überzeugendes (Über-)Lebenszeichen.

Nach Schweden (oder Island) zöge es auch die aus Oberösterreich stammende Singer/Songwriterin AVEC, aber wo kann man derzeit schon hin! Wie auch immer, Miriam Hufnagl (so ihr bürgerlicher Name) hat in diesem unseligen Frühjahr ebenfalls ihr drittes Album herausgebracht. "Homesick" (earcandy) erzählt in einem satten Dutzend an Songs von unseligen Zuständen wie Depressionen, Selbstzweifeln, enttäuschenden Freundschaften - und ist doch ein erfreuliches Zeugnis musikalischer Lebendigkeit.

Die 23-jährige Sängerin verlässt sich nicht (mehr) ausschließlich auf ihre verführerische Stimme - dieses leicht angeraucht-hauchende, zu stakkatohaftem Vortrag neigende, jedes Wort etwas vorschnell abdämpfende Organ -, sie bevorzugt nun reichere, um Elektronik und Bläser ergänzte musikalische Texturen. Die ersten beiden Songs, "Dance Solo" & "Fire", sind neben "Homesick For A Day" am überzeugendsten ausgefallen. Und "Homesick" sind wir in diesen Wochen ja allesamt - und in sehr buchstäblicher Weise - für mehr als einen Tag gewesen.