Die klassische Superhelden-Geschichte im (US-)Comic baut darauf auf, dass eine Figur mit übermenschlichen Kräften womöglich im schnöden Alltag als Normalo verkleidet - Superman etwa war Journalist, sobald er seine Brille aufsetzte - für das Gute kämpft, um das Böse zurückzuschlagen. Das Böse kann zwar auch ziemlich unmenschlich sein, wenn es in Menschengestalt eines Schurken auftritt, der die Welt in Schutt und Asche legt und sich zuvor noch einmal an ihr bereichert. Es kann dem gemeinen Erdenbürger wie dem Superhelden aber auch aus dem Weltall drohen (Extraterrestrier, Kryptonit!), sofern es sich als Erinnerung an den Kalten Krieg nicht überhaupt um eine nukleare Gefahr handeln sollte, die die Vorzeichen auf Zombie-Apokalypse stellt. Boom-zipp-aarrgh!!!

Bevor wir alle dann doch nicht sterben, weil Clark Kent aus selbstverständlich nicht dienstrechtlichen Gründen gerade noch rechtzeitig aus dem Newsroom geflogen ist, darf zumindest gehofft, gebangt und gezittert werden.

Überzeichnung mit Glitzer

Die Geschichte eines Popstars eignet sich für die Superheldenerzählung im Regelfall nicht. Erstens fehlen die übermenschlichen Kräfte, zweitens haben mögliche Charaktere ihr Dasein als Superstar oft nicht überlebt und drittens ist Fiktion in der Kunst auch aus psychologischen Gründen immer ein wichtiges Thema. Im Falle des nun durch den US-Comicbuchkünstler Michael Allred gemeinsam mit seiner Ehefrau und Koloristin Laura Allred sowie Steve Horton als Co-"Regisseur" für den Band "Bowie - Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume" trotzdem als Comicfigur angelegten und zumindest in die Nähe eines Superhelden gerückten Popsuperstars David Bowie ist das nicht anders - und irgendwie doch.

Immerhin beruht bereits die im Buch fokussierte Genese Bowies zur Kunstfigur Ziggy Stardust Anfang der 1970er Jahre auf der Erschaffung einer zweiten Persönlichkeit sowie der Comic-haften Überzeichnung des Rollenspiels, das mit dem Glitzer der Glamrock-Ära korrespondiert. Außerdem ist Ziggy Stardust zunächst dazu angetreten, Liebe hinaus in die Welt zu tragen, bevor er den Weg der Selbstzerstörung in den "Rock ’n’ Roll Suicide" nimmt.

Michael Allred verknüpft sein Wissen als Bowie-die-hard-Fan und sein mit akkurater Recherche zum Ausdruck gebrachtes Vorleben als Journalist mit den Kernkompetenzen seines aktuellen Berufs, die eine Neigung zu Science-Fiction, den unendlichen Weiten des Weltraums sowie der guten alten Pop Art inkludieren. Entsprechend genüsslich breitet der Schöpfer von Serien wie "Madman", "X-Statix" oder "i-Zombie" auch eine frühe Begegnung Bowies mit Andy Warhol aus, der unserem Popstar-Helden eine Testpressung des Debüt- , also "Bananen"-Albums von The Velvet Underground & Nico zusteckt, was definitiv in die Kategorie der lebensverändernden Ereignisse fällt.

Eiswerbung und Zugreisen

Der Künstler und seine Kunstfigur im Konflikt: Obacht, Gefahr! - © Cross Cult
Der Künstler und seine Kunstfigur im Konflikt: Obacht, Gefahr! - © Cross Cult

Überhaupt sind Begegnungen mit anschließenden privaten und beruflichen Beziehungen (Lou Reed, Iggy Pop!) und ein Blick auf die sich wechselseitig befruchtende Künstlerszene der Ära ein großes Anliegen des Zeichners. Es geht neben einem Zaubertrank namens Musik sehr gerne also auch um eine Superkraft namens Freundschaft. Wobei man es mögen muss, dass der ikonografische Aspekt stark im Vordergrund steht - und ins Heldenfach verweisende Sprechblasen wie "Wir werden alles verändern. Es geht nicht nur um England und Amerika. Die Welt!" doch eher nerven.

Als dramaturgischen Kniff erlaubt sich Allred, das letzte Konzert von Ziggy Stardust und seinen Spiders am 3. Juli 1973 in London als Start- und Schlusspunkt der Erzählung zu wählen, in der Detailblicke auf Frisuren, Make-up, Jumpsuits und Plateauschuhe natürlich nicht fehlen dürfen. Das waren die 70er Jahre! Also zumindest ein Teil davon. Und dazwischen sind es nicht zuletzt die Nebenaspekte, die unterhalten: Der noch unbekannte David Bowie in einer Eiswerbung unter Regie von Ridley Scott; David Bowie, der aufgrund seiner Flugangst die Greta-Thunberg-Methode wählt und per Schiff zwischen Europa und den USA und in Richtung Japan mit der Transsib verkehrt; aber auch eine gewisse Comedy-Truppe namens Monty Python, die im Hotel um den Schlaf gebracht wird, weil eine Alienband nebenan ordentlich Party macht.

Die Karriere David Bowies nach 1973 gibt es im Epilog auf vergleichsweise wenigen Seiten im Schnelldurchlauf, was allerdings Luft für Fortsetzungen lässt. Buchstäbliche Helden etwa stünden mit "Heroes" dann ja spätestens im Jahr 1977 schon wieder auf dem Programm.