Im Jahr 2015 stürmte Das Trojanische Pferd an die vorderste Front der an Spitzenkräften bekanntlich nicht armen österreichischen Indie-Gitarren-Band-Liga. Noch dramatischer ausgedrückt, schien das personell wechselhaft besetzte Ensemble um den Sänger, Gitarristen, Songschreiber, Schriftsteller und Maler Hubert Weinheimer gleichermaßen am Gipfel wie vor dem Abgrund zu stehen: Das Album "Dekadenz" führte ultimativ vor, was seine eigentümliche Mischung aus Folk, Chanson und durchaus ungemütlichem Rock alles hergab. Da schien kaum eine Steigerung mehr möglich, also konnte es eigentlich nur mehr bergab gehen.

Nichts von alledem ist der Fall, wie das exzellente neue Album zeigt, das den eher eigenartig anmutenden Titel "Gunst" trägt. Was es mit diesem auf sich hat, erläutert Ober-Trojaner Weinheimer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Das Pferd stand bislang für radikale Vehemenz. Im 13. Jahr der Bandgeschichte aber ist der Trojanische Krieg längst gewonnen. Auch persönlich habe ich gelernt, nicht immer mit der Tür ins Haus zu fallen. Ich wollte ganz bewusst einen freundlichen Titel. Das Pferd gilt als ,kunstige‘ Band. Wir sind mit diesem Album von unserem hohen Ross herabgestiegen und haben den harten Konsonanten weichgeklopft: Aus Kunst wurde Gunst."

Herz und Handgranate

Was als Erstes an "Gunst" auffällt, ist eine fast überwältigende Vielfalt an Stilen und Stilmitteln von der spartanischen Ballade über Ausflüge ins Schlagerfach, munteren elektronischen Klangspitzen und galoppierendem Uptempo-Rock bis zu gravitätischem Bläser-Bombast.

"Ja, die vorherigen drei Alben waren ganz bestimmt kompakter", bestätigt Weinheimer. "Lange Zeit war es mir wichtig, griffige und in sich geschlossene Alben zu machen. Wir haben unsere musikalische Position als Band immer recht klar definiert. Gerade deswegen aber war für mich klar: Pferd Nummer vier wird die Komfortzone verlassen. Darüber hinaus habe ich in den letzten beiden Jahren auch als Hörer mein musikalisches Spektrum erweitert und festgestellt, dass es die Genregrenzen, die in den Nuller-Jahren gefühlt noch recht rigide waren, heute keine große Rolle mehr spielen."

Neu ist im Sound des Trojanischen Pferdes die prominente Präsenz des Klaviers, das in manchen Songs das einzige Begleitinstrument überhaupt ist. "Seit zwei Jahren steht ein Klavier in meiner Wohnung. Das hat mich motiviert, öfter mal in die Tasten zu hauen. Aus dem Hauen wurde nach und nach ein Spielen", erzählt Weinheimer. "Mir wurde schnell klar, dass ich am Klavier auf ganz neue Ideen kommen würde und weil ich die Platte ohnehin breiter anlegen wollte, hat mir das sehr gut reingepasst."

Abgesehen vom Bläserensemble Federspiel, das "Sisyphus und Frankenstein" bereichert, war bei "Gunst" ein Rumpfteam an der Arbeit: René Mühlberger (Velojet, Pressyes) spielt die Solo-Gitarre im Opener "Ich bin das System", David Schweighart schlägt in die Felle und hat fast jedes Lied mit mehr oder weniger subtilen Keyboardflächen unterlegt. Mehr denn je dominiert indes Weinheimers eindringliche Stimme, für die es keine natürlichen Hindernisse zu geben scheint und die, so überreif und von einem Pathos, das die Welt eben nicht umarmen will, sondern vielmehr Überdruss, ein Zu-viel-gesehen-Haben verströmt, den Inhalten auf dem Weg zum Hörer einen Twist mitgibt. Das generiert manchmal tiefe Melancholie wie in "Kindergeburtstag in Kaltenleutgeben", in dem Weinheimer den Tod seines Vaters - der starb, als Weinheimer drei Jahre alt war - zu bewältigen versucht, und vermählt an anderer Stelle fast schmerzhafte Intensität mit abgründiger Komik: "Ich traaag mein Herz als Haaandgranaaate..."

Eher überraschenderweise bezieht Wertheimer viel Inspiration für seine Texte aus dem Alltag. "Ein ganz skurriles Beispiel: Ich habe in der Straßenbahn aufgeschnappt, wie einer zum anderen ,Ich weiß, wo du wohnst‘ gesagt hat. Als Drohung gemeint. Ich dachte mir: Wenn man das in einem Liebeslied singt, kriegt es einen komplett anderen Sinn. Aus Aggression wird Behutsamkeit. Anderes Beispiel: Ich stand 2018 bei einem überfüllten Konzert im Eingangsbereich und dachte mir: ,Ich blockiere den Fluchtweg - weil ich keine Luft kriege‘. Diese Zeile hab ich mir dann kurz notiert. So nehmen bei mir viele Lieder ihren Anfang."