Als ich Little Richard das erste Mal gehört habe, hat es meine Welt in Flammen gesetzt", hat David Bowie gesagt. "Ich habe Little Richard und Jerry Lee Lewis gehört und wollte danach nie wieder etwas anderes sein", hat Elton John gesagt. "Ich wollte Bauer werden, also eigentlich Pferdezüchter. Ich hatte Hengste. Aber dann habe ich Little Richard gehört, und das war’s", hat Lemmy Kilmister von Motörhead gesagt.

Das zeigt nur einen kleinen Ausschnitt des gewaltigen Einflusses, den Little Richard auf die Musikwelt hatte. Denn diese Aussagen stammen nicht aus gewohnt ehrerbietigen Trauerbekundungen, in denen immer alle zu spät draufkommen, wem sie aller was verdanken. Diese Zitate wurden noch zu Lebzeiten ganz ohne Pietätszwang getätigt - der erst jetzt eingetreten ist: Little Richard ist am Samstag im Alter von 87 Jahren gestorben.

Vielgecoverter Meister

Im Jahr 1955 landete Richard Wayne Penniman, wie der Musiker mit bürgerlichem Namen hieß, seinen ersten Hit, den man auch für immer mit seinem Namen verbinden sollte: "Tutti Frutti", oder auch den Song mit dem "Womp-bomp-a-loom-op-a-womp-bam-boom". Diese rätselhafte Onomatopoesie beschäftigte so manchen Exegeten, eine von Little Richards Anekdoten klärt teilweise auf: Als er in einer Diner-Küche als Tellerwäscher arbeitete und einen Geschirrberg nach dem anderen vor die Nase bekam, konnte er sich nur wehren, indem er dem schikanösen Chef diesen Tutti-Frutti-Schlachtruf nachschmetterte.

Klingt ein wenig wie aus einem spießigen Film aus den 1950er-Jahren. Vom Tellerwäscher zum Rock’n’Roll-Pionier. Sohn einer fünfzehnköpfigen Familie aus Georgia - der kleinste, deswegen "Little Richard" - reißt mit seiner erfolgreichen Musik Rassengrenzen nieder und erfindet praktisch im Alleingang die Popmusik, wie man sie heute kennt.

Tatsächlich gelang es Little Richard, 1955 die Billboard Charts zu erobern - die in Zeiten der Rassentrennung in den USA Weißen vorbehalten waren. So wurden freilich auch weiße Musiker auf ihn aufmerksam - die Folge waren Coverversionen seiner Lieder von Elvis Presley und den Beatles abwärts. Diese meist von ihren gröberen sexuellen Anspielungen befreiten Varianten machten Little Richard nicht immer glücklich, aber über Elvis Presley, dem man oft vorwirft, seine immens erfolgreiche Musik nur dem Repertoire der Schwarzen zu verdanken, sagte er einmal: "Ich danke Gott für Elvis, denn er hat Türen geöffnet." Sprach man von Elvis als King of Rock’n’Roll, so nannte sich Little Richard in damals gewagtem Humor "Queen of Rock’n’Roll". Er sagte aber auch: "Wenn ich weiß gewesen wäre, dann hätte es keinen Elvis Presley gegeben. Dann hätte es nur mich gegeben."

Das klingt dann schon weniger nach 50er-Jahre-Schmonzette. Auch die vielen Ambivalenzen der exzentrischen Bühnenfigur Little Richard wollen sich da nicht so reibungslos einordnen - einmal angefangen bei der unverhohlenen Erotik, der Ekstase, die Little Richard nicht nur mit schrillen Schreien auf der Bühne vermittelte (man sah das später bei Michael Jackson), sondern auch mit dem unbarmherzigen Traktieren des Klaviers (Elton John nahm sich daran ein Beispiel) und seinem Changieren zwischen Mann und Frau (das später am deutlichsten von Prince sogar mit ähnlich toupierter Frisur wieder aufgegriffen wurde).

Letztere Eigenheit war übrigens der Furcht vor dem Rassismus geschuldet: Um seine musikalischen Schlüpfrigkeiten an den weißen Väter und Brüdern vorbeizuschummeln, kramte er im Travestie-Fundus seiner Vaudeville-Showerfahrung in jungen Jahren. Je weiblicher er wirkte, desto "ungefährlicher" war er für die weißen Mädchen.

Damit wiederum ebnete er den Weg für exzentrische Camp-Auftritte, wie sie etwa ein Liberace perfektionieren sollte. Little Richards privater Umgang mit seiner Sexualität war von wechselhafter Natur. Phasen, in denen er dazu stand, schwul zu sein, rangen mit jenen, in denen für ihn Homosexualität des Teufels war.

Religion ringt mit Rock

Das hing zusammen mit einem weiteren inneren Kampf, der das Leben von Little Richard prägte. Denn kaum fuhr er die ersten großen Erfolge mit seinen Liedern und Auftritten ein, zog er sich auch schon wieder zurück. Zwei "Erweckungserlebnisse" ließen ihn seine Berufung zum Priester hören und sich dem Gospel zuwenden. Little Richard stammte aus einer tiefgläubigen Familie, und er begann, seinen Lebenswandel als Rock’n’Roller aus religiösen Gründen abzulehnen. Mitte der 60er besann er sich wieder neu und feierte ein Comeback. Immerhin war er der Meinung: "Ich habe den Teufel noch nie Musik machen gesehen." 1977 kamen die alten Dünkel zurück und er kehrte wieder zurück zu seiner Tätigkeit als Prediger - die er mit Gospelkonzerten verband. In den 80er Jahren hatte er ein paar wenig lichtvolle Filmauftritte und wurde gerne als Exzentrik-Maskottchen verwendet.

Die Zahl der ausgewiesenen Hits ("Long tall Sally", "Good Golly Miss Molly", "Lucille") von Little Richard mag vielleicht im Vergleich klein sein, die Wirkung des ausdrucksstarken Mannes mit der lauten Stimme und dem dünnen Schnurrbart ist allerdings eine popkulturelle Jahrhundertleistung. Pop und Rock würden ohne ihn nicht so klingen, nicht so aussehen und nicht ansatzweise so schillern.