Bereits Album-Cover und -Titel legen es nahe: Um die Stimmung ist es aktuell nicht zum Besten bestellt. Wobei das zur Illustration verwendete Sujet, das an das Gemälde "Der Nachtmahr" des schweizerisch-englischen Malers Johann Heinrich Füssli (1741–1825) erinnert, im Gegensatz dazu keinerlei Schwarze Romantik beschwört, die im Pop im Regelfall als Düsterromantik daherkommen würde. Nein. Der besser als Ghostpoet bekannte britische Musiker und Spoken-Word-Künstler Obaro Ejimiwe setzt nun auch auf seinem beklemmend betitelten jüngsten Streich, dem von ihm im Alleingang geschriebenen, arrangierten und produzierten Album "I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep", auf jenen teils nüchternen, teil ernüchternden Sozialrealismus, der bereits sein Auftauchen im Geschäft mit dem programmatischen Debüt "Peanut Butter Blues & Melancholy Jam" im Jahr 2011 dominierte – gewinnend vorgeturnt damals auch live mit einer ersten Vorstellungsrunde im Wiener WUK: "I just wanna live life – and survive it."

Das mit dem Überleben und dem Kampf ist in der Zwischenzeit nicht unbedingt einfacher geworden. Wir können es anhand weiterer Songtitel wie "Humana Second Hand" oder "This Train Wreck Of A Life" schon erahnen und hören es auch im eröffnenden "Breaking Cover", das – aus Gründen – die deutsche Untergangspoetin Nico mit Fragezeichen und geändertem Satzbau paraphrasiert: "Is this the end?" Aber auch Panikattacken und am zerrütteten Selbst scheiternde Psychopharmaka, zart sarkastisch verniedlicht als "Happy Pills", stehen auf der Agenda.

Verführerisch sinister

Nach einer Nominierung seines Debüts für den renommierten Mercury Prize, den dann doch PJ Harvey für ihr übermächtiges Album "Let England Shake" einheimsen sollte, drei Folgearbeiten und etwas (künstlerisch übrigens unberechtigtem) Hader ob des 2017 vorgelegten "Dark Days + Canapés" verließ Ghostpoet zuletzt das überteuerte London und zog an die Küste. Dort ist nicht nur das Leben erschwinglicher und die Luft deutlich besser. Auch lässt es sich abseits des städtischen Trubels in Zeiten mit und ohne Lockdown einfacher fokussieren. Bei Ghostpoet hat dieser Umstand konsequenterweise (s)ein Meisterstück gezeitigt. Bei Reduktion, nicht bei Abschaffung der Jazz-Atmosphären und des Elektronikanteils zugunsten des frühen Live-Bandsounds mit Wurzeln in einem wie auch immer gearteten "Alternative Rock" und zusätzlich ergänzt um Klavier und Streicher setzt es verführerisch sinistren Spoken-Word-Eklektizismus, der zwar hörbar in Trip-Hop-Gefilde vorstößt, für den Ghostpoet selbst aber jede Schubladisierung verweigert. Hip-Hop sollte man jedenfalls definitiv nicht dazu sagen.

Soziale Fleischwunden

Die Rhythmusgruppe stellt das Bollwerk im bevorzugt verschleppten Bereich. Dazu geht es in Gefolgschaft des großen Soul-Jazz-Poeten Gil Scott-Heron ("The Revolution Will Not Be Televised") und bei Überschneidungen zu Ghostpoets gleichfalls sehr sozialrealistisch eingestellten Landsleuten Archy Marshall alias King Krule ("Border Line") und nicht zuletzt Kate Tempest ("Europe Is Lost") um eine Gemengelage aus Angst, blindem Nationalismus und den Auswirkungen des Brexit auf Gesellschaft und Zukunft: "Out means out!" Und auch bezüglich der zum Abschied besungenen "sozialen Fleischwunden" besteht kein Zweifel, dass diese auf Egoismus und ausgefahrenen Ellenbogen beruhen. Kein Ende in Sicht – selbst wenn der Untergang nahen sollte.

Am 25. April hätte Ghostpoet damit eigentlich wunschloses Unglück auf dem Donaufestival in Krems verbreiten sollen. Daraus wurde aus bekannten Gründen nichts. Nicht nur insofern ist "I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep" auch als Dokument der Krise zu hören: "It’s getting kinda complex these days / We better get our hard hats ready." Es sei der Schutzhelm mit uns!