Grundsätzlich wird man eher nicht auf die Idee kommen, Stephin Merritt, den Kopf der Magnetic Fields, überbordender Fröhlichkeit zu verdächtigen. Hüsker-Dü-Legende Bob Mould, der für Merritts Fremdstimmen-Projekt The 6ths ausgezeichnete Arbeit geleistet hat, bezeichnete ihn sogar als den depressivsten Mann des Rock.

Nun, ganz so schlimm ist es auch nicht, wie sich die "Wiener Zeitung" schon vor drei Jahren bei einem persönlichen Gespräch überzeugen konnte. Im aktuellen Telefonat erscheint Merritt stellenweise sogar regelrecht aufgekratzt. Er erinnert sich übrigens noch sehr gut an die angesprochene Interview-Session vom 3. Februar 2017, die zur Veröffentlichung des heute auch schon als epochal geltenden Fünffach-Albums "50 Song Memoir" stattfand: "Das dauerte mehrere Stunden, in denen ich keine Gelegenheit hatte, etwas zu essen. Stattdessen habe ich die ganze Zeit Tee getrunken und wurde davon zunehmend aufgedreht."

Ziemlich erstaunlicherweise für den eurozentrischen New Yorker Gentleman Stephin Merritt, der sogar eine rudimentäre Ahnung von der deutschen Sprache hat, war dieser Promotermin das bisher einzige Mal, dass er nach Wien gekommen ist. Aufgetreten ist er hier nie, weder mit den Magnetic Fields noch solo noch mit einem seiner weiteren Ensembles: den erwähnten 6ths, den Dance-lastigen Future Bible Heroes oder den Gothic Archies, die er als "meine Bubblegum-Unit" bezeichnet. Dass Merritt diese Lücke zu schließen gedenkt, indiziert sein letzter Satz im Phoner: "See you in Vienna!"

So wie sein Vorgänger ist der neue Magnetic-Fields-Longplayer "Quickies", von Merritt mit bewährten Kräften wie John Woo (Gitarre), Sam Davol (Cello), Chris Ewen (Mellotron), Pinky Weitzman (Violine), Daniel Handler (Akkordeon) sowie Claudia Gonson (Piano) und Sally Simms (Omnichord) als alternierenden Lead-Stimmen und mit relativ wenig elektronischer Unterstützung gefertigt, ein Konzeptwerk und auf fünf Platten aufgeteilt. Nur sind das diesmal EPs und nicht LPs, und inkludiert vergleichsweise bescheidene 28 Stücke, die eine Gesamtspielzeit von ungefähr einer Dreiviertelstunde ergeben und im Einzelfall von 17 Sekunden bis zu maximal zweieinhalb Minuten dauern.

Cleverness

Kürze ist, wie der gewohntermaßen etwas anzüglich konnotierte LP-Titel ja auch hinlänglich klarmacht, hier auch Konzept. Das ist für Merritt nur insofern scheinbar ungewöhnlich, als es seine "Monster" sind, die die größte Publizität genießen: Das "50 Song Memoir" und natürlich sein Opus Magnum schlechthin, die "69 Love Songs", deren 20. Jubiläum im Vorjahr einigermaßen üppig gehuldigt worden ist.

"Normale" Alben der Magnetic Fields aber bleiben üblicherweise deutlich unter 40 Minuten; die einzelnen Songs überschreiten eher selten die Dreiminutenmarke. Im Prinzip hat Merritt sogar eine ausgesprochene Affinität zur Kurzform: Im Jahr 2014 veröffentlichte er einen amüsanten kleinen Band mit Gedichten, die "101 Two-Letter Words" beherbergten. Für "Quickies" hat Merritt sich von der US-Autorin Lydia Davis inspirieren lassen, deren Kurzgeschichten bisweilen mit einer einzigen Zeile auskommen.Außerdem habe er, sagt er, viel französische Cembalomusik gehört, die gut zum Autofahren passe und sich nicht für lange Träumereien eigne. Diesem Vorbild folgend, kaprizierte er sich auf kurze musikalische Formen und ihnen angemessene Inhalte.

"Quickies"-Albumcover.
"Quickies"-Albumcover.

Stephin Merritt ist kein besonders autobiografischer Schreiber. Natürlich musste er bei seiner Lebensbeichte "50 Song Memoir" zwangsläufig von sich erzählen, aber selbst darum wusste er sich öfters mal herumzuschummeln, indem er bestimmte Ereignisse eines Jahres beschrieb ("Judy Garland", "They’re Killing Children Over There") oder Heroen und nützlichen Maschinen huldigte ("Foxx And I").

Wie immer der unscheinbare, schütter behaarte, stets in Brauntönen gewandete Künstler eine Platte anlegt - (gedankliches, formelles) Design steht über unmittelbaren Gefühlen. "69 Love Songs" war ja auch nicht ein Werk über Liebe, sondern über Liebeslieder. Merritt schreibt Songs, die von Cleverness zeugen und den Hörer für die Cleverness, sie zu mögen, komplimentieren. Und die sehr gute Argumente wider das insbesondere im Rock-Bereich gerne strapazierte Authentizitäts-Dogma liefern.

Es gibt natürlich immer wieder Songs, in denen sehr wohl ein persönlicher Konnex zu Merritt offenbar wird. Auf "Quickies" repräsentiere ihn "The Boy In The Corner", wie er bestätigt, recht akkurat, da er sich zum Schreiben meist in irgendeinem Café in die Ecke verkriecht: "Ich sehe dann anderen Menschen zu, wie sie ihr Leben leben, während ich darüber schreibe." Sogar "(I Want To Join A) Biker Gang", eine dieser wendigen, eigentümlich schnell anmutenden und hier durch tiefe Bläser als Rhythmushalter verfremdeten Sixties-Pop-Paraphrasen, an denen das Werk der Magnetic-Fields reich ist, erzählt von einer Anwandlung, die ihn tatsächlich einmal kurz angefochten hat. Das 47-sekündige "Bathroom Quickie" schließlich, das laut Merritt für das neue Album eine ähnlich zentrale Bedeutung hat wie "The Book Of Love" für "69 Love Songs", ist auf frustrierend reale Weise von der (vergeblichen) Suche nach einem Platz zum Intim-Werden mit seinem Partner angeregt.

Semantischer Wirbel

Doch die wahren inhaltlichen Highlights dieser "Quickies" sind einmal mehr jene Szenarien, in denen sich Merritt mit allerlei verbalen Jonglierakten in absurde Bereiche versteigt. Ein besonderes Bravourstück ist "The Biggest Tits In History". Es spielt mit der (im deutschen Sprachraum eher nicht geläufigen) Doppelbedeutung des Wortes "Tit", das eben nicht nur eine weibliche Brust, sondern auch einen Vogel (eine Meise) bezeichnet. Wenn die Protagonistin des Songs erzählt, sie habe vier "Tits", deren jede ein Viertelkilo wiegt, während die durchschnittliche, gut gefütterte "Tit" nur 14 Gramm wiege, erhebt sich ein ansehnlicher semantischer Wirbel. "Ich habe den Titel schon ein paar Jahre mit mir geschleppt, ohne eine Vorstellung zu haben, was genau ich schreiben würde. Dann las ich einen Artikel über Meisen, und die sind wirklich lieb. Und so ging das zusammen mit der Idee des Songs - mit der Gier nach immer größer und immer mehr. Der Song ist die Rationalisierung des Titels."