Wiener Zeitung: Wie geht es Ihnen, Herr Bargeld?

Blixa Bargeld: Mir geht’s so weit gut. Ich bin zum Glück nicht erkrankt, aber seit Wochen in Quarantäne und nehme die Situation ernst.

Wie kann man sich Ihren Lockdown-Alltag vorstellen? Prokrastination, Verzweiflung und Rotwein - oder Aufrechterhaltung der Routinen inklusive Homeoffice im Maßanzug?

Wir halten uns mit den Neubauten beschäftigt, indem wir "Content produzieren". Ich betreibe ein Quarantäne-Videoblog und eine eigene Cooking Edition, wo ich mit unseren Unterstützern live koche. Gestern habe ich zusammen mit meiner Tochter eine Suppe aus frischen Erbsen gemacht. Gleichzeitig läuft da auch noch Musik, und manchmal singe ich mit oder tanze. Und derzeit gebe ich zahlreiche Interviews, die mich auch ablenken.

Eine Nummer der Einstürzenden Neubauten von 1981 heißt "Draußen ist feindlich". Ist das der Soundtrack zur Krise?

"Draußen ist feindlich / Schließ dich ein mit mir / Hier sind wir sicher / Ich liebe dich / Vergiss es." Ja, das ist der Quarantäne-Song! Er müsste eigentlich ein Hit sein.

Ohne Corona-Krise wären sie gerade auf Tour und würden mit Ihren Fans 40 Jahre Einstürzende Neubauten feiern. Wie bewerten Sie die Auswirkungen der Pandemie auf die Band?

Wir haben im Jänner 2019 beschlossen, ein neues Album aufzunehmen. Der Plan war, im Zeitraum eines Jahres für 100 Tage ins Studio zu gehen, und dann sollte der krönende Abschluss mit Auftritten in Potsdam und im Konzerthaus auf dem Gendarmenmarkt stattfinden. Wir hatten eine Bustour durch das Neubauten-Berlin mit mir als Reiseleiter organisiert - und, und, und. Das wurde uns unter den Füßen weggezogen und ist viel bitterer als die Tatsache, dass wir die Tour auf den nächsten Frühling verschieben mussten.

Haben Sie das Gefühl, dass die staatliche Krisen-Unterstützung für Kulturschaffende in Deutschland funktioniert?

Es gibt sie, ich habe auch schon eine Zahlung bekommen, das war ganz am Anfang des Lockdowns und ging erstaunlich schnell, wenn man an den preußischen Sinn von Bürokratie denkt. Aber das reicht natürlich nicht aus, und es wird derzeit eine Menge diesbezüglich diskutiert.

Sie haben in den Nullerjahren Werbung für eine Baumarktkette gemacht, Stichwort "Bohrwinkelkontrolle". Die Baumärkte sind wieder offen, Konzerte gibt es weiterhin keine. Ist das ungerecht?

Ich würde jetzt kein Konzert spielen, selbst wenn ich es dürfte. Es ist mir da draußen einfach zu riskant. Die ganze Lockerungsdiskussion geht mir am Arsch vorbei.

"Alles in Allem" ist das erste offizielle Studioalbum der Einstürzenden Neubauten seit 2007. Wie sind Sie an das Projekt herangegangen?

Es gab diesmal kein großes Konzept. Bald stand zwar das Thema "Berlin" im Raum, das hat sich aber verdünnisiert und schlägt sich jetzt nur noch in einzelnen Songtiteln nieder. Diesmal ist es einfach eine schöne Ansammlung von Stücken geworden. Ich bin noch bei jeder Neubauten-Veröffentlichung am Ende happy gewesen. In dem Fall bin ich mehr als das, ich bin glücklich.

"Es ist einfach mehr Platz da": Blixa Bargeld (Mitte). - © Mote Sinabel
"Es ist einfach mehr Platz da": Blixa Bargeld (Mitte). - © Mote Sinabel

Die "Materialerprobung", also das Abklopfen von Objekten auf ihre Instrumentalisierbarkeit, war immer ein zentraler Bestandteil Ihres Schaffens. Womit haben Sie bei den jüngsten Aufnahmen gearbeitet?

Mit wenig Neuem, wir verfügen ja über ein großes Lager an Dingen und Gegenständen, die wir schon einmal verwendet haben. Und unser einziger versuchter Schrottplatz-Besuch war diesmal ein Desaster.

Wieso?

Man hat uns quasi gar nicht erst raufgelassen. Versicherungstechnisch! Ich habe mich für ein Stück namens "Taschen" dann einem Thema zugewandt, das ich schon lange im Hinterkopf hatte. (Holt sein Smartphone und zeigt das Inserat einer Tasche, Anm.). Die haben wir zunächst mit Helium befüllt und dann mit Styroporflocken, was in der Band eine Nachhaltigkeitsdebatte ausgelöst hat, ob wir mit solchen Materialien überhaupt noch arbeiten sollten. Letztendlich wurden sie mit Lumpen befüllt. Es ist nicht so sehr der Klang, der mich interessiert, es ist die Strategie, wie man die Dinge überlistet, damit sie etwas von sich preisgeben. Es ging dann ein metaphorisches Fenster auf - und ich hatte das Meer als Thema.

Der letzte Satz für das Album ist mir im Traum eingefallen, es ist die Fortschreibung eines anderen Textes: "Wälzt die Wogen ungeheuer / ein gefräßiges Ungetüm." Da musste ich erst verifizieren, ob man das überhaupt so sagen kann. Und siehe da, ein großer deutscher Dichter hat schon einmal "Wogen gewälzt", nämlich Friedrich Nietzsche. Und wenn der Nietzsche das kann, ist auch der Blixa legitimiert.

In "Möbliertes Lied" heißt es: "Ich hab’ unser Lied frisch renoviert / Die Wände verputzt, einen neuen Ton ausprobiert." Darf man das als Motto für das Album verstehen?

Ich halte Sie jedenfalls nicht davon ab. Der Text speist sich aus disparaten Quellen und geht u. a. auf die Westberliner Zeit zurück, als ich in die leer stehende dänische Botschaft eingestiegen bin und dort die Tapete von der Wand gerissen habe. Dahinter war eine Makulatur, die aus dänischen Tageszeitungen, dem "Völkischen Beobachter", "Stars And Stripes", einem Organ der US-Armee, und der Zeitung "Die Rote Fahne" bestand.

Ihre Lyrics erschließen sich nicht immer unmittelbar. Relativ unverschlüsselt gehen Sie im Song "Grazer Damm" aber in Ihre eigene Kindheit zurück. Täuscht der Eindruck, oder ist das eines Ihrer autobiografischsten Lieder bisher?

Ich gebe Ihnen recht: Ich war früher sehr darauf bedacht, eine gewisse Distanz zu halten und mich nicht antastbar zu machen. Außerdem mochte ich das Spiel mit dem Geheimnis. Das ist das große Plus dieser Platte: Sie ist wesentlich unmittelbarer.

Sie waren bis 2003 als Gitarrist für Nick Cave beschäftigt, auf "Alles in Allem" haben Sie erstmals seit Längerem wieder selbst in die Saiten gegriffen.

Meine alten Gitarren, die ich über Jahrzehnte und auch für Nick Cave gespielt habe, standen zu lange in der Ecke, wurden nie restauriert und haben heutzutage eine schwierige Elektrik. Als ich wieder spielen wollte, habe ich mir daher eine neue gekauft. Das mit der Gitarre bleibt aber auf das Studio beschränkt. Ich kann nicht so gut gleichzeitig spielen und singen.

Stücke wie "Tempelhof" verströmen eine friedliche, lichte Atmosphäre. Es gibt Streicher und Harfen. Sie haben früher für musikalische Flächenbrände gesorgt. Ist "Altersmilde" ein Wort, mit dem Sie etwas anfangen können?

Bitte kein Plural: Es ist eine Harfe! Wenn wir etwas aufnehmen, stellen wir uns heute immer die Frage: Wie spielen wir das live? Und das ist vielleicht das Altersmilde daran: Ich habe nicht mehr den Eindruck, dass wir in jedem Sekundensprung etwas Neues reinbringen und alles zupflastern müssen. Es ist einfach mehr Platz da.