Regelmäßigen Besuchen auf Social-Media-Plattformen zufolge stand in den vergangenen Wochen der Heimisolation nicht nur Brotbacken plötzlich wieder hoch im Kurs. Auch die Instandhaltung diverser Haushalte konnte dank Putzprotokollen samt Fotobeweis inspiziert und mit den eigenen Qualitäten als Meister Proper verglichen werden. Wenn man zum Beispiel jede einzelne in den eigenen vier Wänden vorhandene Lade ein- und ausgeräumt und dazwischen entstaubt hat, die Sortierung der Plattensammlung und des Bücherregals nach geänderten Kriterien erfolgreich abschließen und selbst dem Kellerabteil zu neuem Glanz verhelfen konnte, war man etwa recht gut dabei.

Etwas Luft nach oben bestand freilich weiter: Immerhin kann man auch hinter und unter der Waschmaschine aufwischen oder drei Tage lang recherchieren, welches Bodenöl sich zum Einlassen der Balkon-Holzdielen am besten eignet, bevor man dann doch etwaige Mitbewohner ans Werk schreiten lässt, weil man zuletzt auch noch ungefähr drei Kochbücher nachgekocht hat. Hallo, ich kann hier nicht alles machen!

Mit Rückkanal

Künstlerseitig, und auch da war Social Media die Quelle Numero uno, waren bekanntlich vor allem Händewaschsongs und Balkonkonzerte sehr beliebt. Aber auch die Möglichkeit, die gewonnene Tagesfreizeit via Kreativschub in neu entstandene Kunst zu überführen, dürfte uns in den kommenden Monaten noch beschäftigen. Weil sie es bereits zum Zeitpunkt ihres Auftauchens im Geschäft mit ihrer für die Kolleginnen von Icona Pop geschriebenen Textildiscounter-Beschallungshymne "I Love It" vor acht Jahren sehr eilig hatte, ist es nur konsequent, dass die 1992 als Charlotte Emma Aitchison in Cambridge geborene und heute von Los Angeles aus operierende Musikerin Charli XCX hier vorangeht und soeben das vermutlich erste Quarantäne-Album der Popgeschichte veröffentlicht hat.

"How I’m Feeling Now" (Warner Music) soll dabei nicht nur von Grund auf in lediglich sechs Wochen konzipiert, geschrieben, aufgenommen und finalisiert worden sein, was zumindest teils überprüft und bestätigt werden kann - wir hören es ja gerade. Es soll auch lediglich auf jenen Tools basieren, die Charli XCX gerade zur Hand hatte, weil auch für sie die Geschäfte nicht aufsperren wollten und Treffen mit Arbeitspartnern nicht möglich waren.

Das ist nun Blödsinn. Einerseits kann jede erdenkliche Musiksoftware auf Mausklick auch im Lockdown bestellt und verwendet werden. Andererseits standen Kollaborationen via Dateiaustausch statt gemeinsamer Studiozeit schon viele Jahre vor der Corona-Pandemie auf dem Programm. Tatsächlich in diesem Ausmaß weitgehend neu ist aber der interaktive Entstehungshintergrund des Albums samt der Community als Rückkanal und Korrektiv. Immerhin hat Charli XCX ihren Fans bei Zoom-Meetings und via Instagram Live Demos vorgespielt und sie ersucht, eigenen Content zur Verfügung zu stellen, der dann beispielsweise in Musikvideos einfloss.

Sehnsucht nach Party

Nach der Vermessung diverser Elektropop-Spielarten zwischen gestern und heute, einem Brotjob als Songwriterin für die Neigungsgruppe Mainstream oder die IG Hip-Hop (zu von Charli XCX mitgeschriebenen Chartserfolgen gehört neben "Señorita" von Shawn Mendes und Camila Cabello auch "Beg For It" von Iggy Azalea) streicht die 27-jährige Musikerin mit den elf neuen Stücken jedenfalls ihre experimentelle Seite hervor: Unterstützt von Produzenten um den PC-Music-Labelgründer A. G. Cook oder BJ Burton, der zuletzt die US-Band Low nach Kabelbrand klingen ließ, erinnert das Soundsetting wahlweise an das Donaufestival weit nach Mitternacht oder an eine Massenkarambolage auf der A1, ohne die künstlerischen Wurzeln der Protagonistin zwischen auf Randale gepoltem Bubblegum-Pop mit Synchrontanz und heute schwer in Auto-Tune getränkten Cheerleader-Chants allerdings zu verleugnen.

Dem Albumtitel zum Trotz wird auf "How I’m Feeling Now" übrigens kaum aus dem Corona-Alltag berichtet, wobei zumindest der Fernbeziehungshintergrund klassischer Boy-meets- und Boy-loses-Girl-Geschichten von Stücken wie "Forever" gut zur zuletzt virulenten Einsamkeit passt. Als Quarantäne-Folge ist bei mit zünftigen Eurodance-Nachwehen belegten Songs wie "Visions" aber zunehmend eines definitiv nicht zu überhören: die Sehnsucht der jungen Leute von heute nach Party. Raven im Abstellkammerl ist okay, auf Dauer aber auch keine Lösung.