Die Frage, ob man sich vom Leben abstumpfen lässt, um sich unantastbar zu machen, oder besser dorthin geht, wo über die Schmerzgrenze hinaus Intensität und Leidenschaft herrschen, wird hier bereits vom Albumtitel erklärt: "Set My Heart On Fire Immediately" bedeutet das volle Programm inklusive des Sich-Einlassens auf alles - mit
allen Konsequenzen.

Der US-Musiker Michael Hadreas hat uns unter seinem Alias Perfume Genius bereits auf seinen frühen Alben zwischen verhuschten Klaviermeditationen und waidwunden Kunstliedern einige Lehrstücke diesbezüglich mit auf den Weg gegeben. Man hörte Operationen am offenen Herzen mit erhöhtem Mitteilungsbedürfnis und exakt keinem Blatt vor dem Mund. Insofern ist es nur konsequent, dass das neue Album mit einem Rückblick eröffnet, der eine Art Nachruf auf das bisherige eigene Leben darstellt: "Half of my whole life is gone / Let it drift and wash away / It was just a dream I had / It was just a dream." Zwischen den vergangenen und kommenden Dramen allerdings klingt das erstaunlich befreit: "Shadows soften toward some tender light / In slow motion, I leave them behind." Im Alter von 38 Jahren scheint der Mann also vor allem vom Gewesenen loslassen zu wollen, um Raum für Neues zu schaffen.

Geisterbeschwörung

Nach der musikalischen Verbreiterung in Zusammenarbeit mit Adrian Utley von Portishead auf dem dritten Album "Too Bright" von 2014 und seiner endgültigen Ankunft im Popsong drei Jahre später auf dem plötzlich mit einem Zug zum Happy End überraschenden Meisterwerk "No Shape" bedeutet das auf "Set My Heart On Fire Immediately" (Matador Records) etwa den Ausbau der Stilpalette mit lockerem Händchen. Wobei die eingangs unternommene Annäherung an Roy Orbison (und weitere von Hadreas erwähnte Namen zwischen Townes Van Zandt und den Cocteau Twins) tatsächlich eine Annäherung bleibt. Vereinfacht gesagt, wenn Perfume Genius in einem Song wie "Describe" mit verschlepptem Kellerschlagzeug und einer lebensmüden Gitarre an die Grunge-Ära erinnert, klingt das Ergebnis trotzdem nicht nach Nirvana - sondern nach Perfume Genius. Wie im Falle des Hinwegwaschens so eines halben Lebens im Schwebezustand erfolgt auch die Ehrerweisung an persönliche Helden bei Perfume Genius als eine Art Geisterbeschwörung, sprich hauntologisch.

Neben den thematischen Dauerbrennern, also der Beschäftigung des Sängers und Songwriters mit seiner (Homo-)Sexualität, mit Männlichkeitsbildern und dem Körper als zerbrechlicher Hülle, hat auch eine neue und nun als positiv erlebte Form der Körperlichkeit die 13 aktuellen Songs mitgeprägt. Wie in den Musikvideos zu den beiden Vorabsingles überprüft werden kann, hat ein dem Album vorausgegangenes Engagement für die Choreografin Kate Wallich für eine intensive Auseinandersetzung des Musikers mit dem zeitgenössischen Tanz gesorgt. Das Ringen mit sich selbst, den Verhältnissen und der Liebe wird mit Hadreas im Outfit eines Gay Messiahs mit Working-Class-Hintergrund bei "On The Floor" entsprechend mit großer Geste vorgetanzt.

Sehnsucht, zitternd

Die Mischkulanzen des Albums sind folgerichtig speziell. Das schwelgerische, in nur zwei Minuten und 35 Sekunden auf den Punkt gebrachte "Without You" wird von Perfume Genius etwa als "Country-Song über Dysmorphophobie", also über die zwanghafte Beschäftigung mit einem eingebildeten körperlichen Makel, bezeichnet. Und während die reichen, mit klassizistischem Streichquartett ergänzten Texturen des Albums nach einer Sänfte im Musenhain klingen, auf der bekränzte Jungmänner einander mit Grillhuhn und Weintrauben füttern, brechen sich mit dem erwähnten "On The Floor" drei Großbuchstaben namens Pop mit synthetischem Funk und Gummibass ihren Weg. Rundherum setzt es Harfen-, Cembalo- und Flötenarrangements sowie Vibratogesang der Marke "Sehnsucht, zitternd" und mit "Just A Touch" eine imaginierte Soldatenromanze, die Produzent Blake Mills mit zarten Trommeltupfern und einem beharrlich schreitenden Bassmotiv auch im Klangbild verführerisch inszeniert. Das ätherische Outro "Borrowed Light" schließlich wäre auch auf dem "Ghosteen"-Album von Nick Cave nicht negativ aufgefallen.

Seine Arbeitseinstellung hat Perfume Genius damit ein weiteres Mal demonstriert: Große Gefühle? Ja, bitte! Abstumpfen geht dann auch nach dem zweiten halben Leben noch.