Vintage-Bläser, orchestraler Theaterdonner, wohltemperierter Rock und dieser operettenhafte Überschwang: Alles ist da, was ein neues Sparks-Album braucht. "A Steady Drip, Drip, Drip", Opus 24 im Werkkatalog der Formation, folgt weitgehend den Wegen des Vorgängers "Hippopotamus" von 2017, mit dem die Sparks nach 43 Jahren wieder die britischen Top Ten eroberten. "Es gibt sicher Ähnlichkeiten, aber auch einige Unterschiede", sagt Sänger Russell Mael im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Ich glaube, dass es sowohl inhaltlich als auch klanglich intensiver und aggressiver ist als ,Hippopotamus‘. Und besorgter. Die Songs wurden zwar geschrieben, bevor die Krise ausbrach, haben unglücklicherweise aber jetzt noch mehr Relevanz bekommen."

Als Beispiele nennt Mael "I’m Toast", das eine rasante Abwärtsspirale beschreibt, oder den Abschlusssong mit dem unverblümten Titel "Please Don’t Fuck Up My World". "Das besteht aus zwei Hälften: Die erste dreht sich mehr oder weniger um eine Beziehung. Die zweite Hälfte geht um die vielen wundervollen Dinge, die durch Dummheit zerstört werden. Es ist ein Appell, aufzuwachen."

Der LP-Titel verweist einerseits auf die ständige Berieselung mit Informationen, denen man heute ausgesetzt ist, aber auch auf das Cover der Platte, auf dem Farbtropfen herunterfallen, die Russell umgehen, Ron aber zudecken. Solch abgründiger Humor setzt sich, wie das bei den Sparks gute Tradition ist, in den Inhalten fort. "iPhone" imaginiert, was gewesen wäre, hätte es das Smartphone schon zu Zeiten Adams und Evas und Abraham Lincolns gegeben, und wirft schließlich einen Blick in die Stube seines Erfinders Steve Jobs, dessen Frau sich vernachlässigt fühlt. "Lawnmower" "huldigt", in ein aufreizend seriell anmutendes Arrangement gekleidet, einem Fetisch der amerikanischen Freizeitgesellschaft.

Seit den 70er Jahren betreiben Ron und Russell Mael, heute beide jenseits der 70, mit wechselnden Erfüllungsgehilfen die Sparks. Widersprüchlichkeit ist dabei seit jeher ihr primäres Wesensmerkmal. Zum Ersten, weil Ron am Klavier den distinguierten Old-School-Gentleman gibt und sein Bruder Russell den quirligen Wirbelwind vor dem Mikrofonständer. Dann, weil solche Exzentrik eher britische Herkunft nahelegt und nicht zu LA, wo beide her sind und leben, passen will.

Und schließlich haben sie sich über ihre annähernd 50 Karrierejahre durch unterschiedlichste stilistische Formate gepflügt, vom explosiven, äußerst wendigen Glam-Rock ihrer Frühzeit, exemplarisch vorexerziert in ihrem ersten Hit "This Town Ain’t Big Enough For Both Of Us", über Orchester-Pop bis zum vollelektronischen, reduzierten Dance-Format Ende der 70er, über das sie notabene auch die Organisationsform des Synthie-Pop-Duos initiierten.

Große Produzenten

Seit mehreren Jahren scheint indes wieder vielseitig und üppig arrangierter Pop im Fokus zu stehen. Russell relativiert allerdings: "Einmal bevorzugen wir einen eher elektronischen Zugang, zu anderen Zeiten finden wir Gitarren recht okay, oder orchestrale Elemente. Glücklicherweise erlaubt unsere Konstellation, jede Form aufgreifen zu können, nach der uns gerade ist. Es ist nicht so wie bei einer fünfköpfigen Band, wo jeder eingesetzt werden muss." Während die Kompositionsarbeit trotz brüderlich geteilter Credits fast ausschließlich Ron obliegt, ist es eindeutig Russell, der den musikalischen Appeal der Sparks prägt: Eine Stimme wie diese, die vom gepflegten Belcanto scheinbar mühelos in höchste Lagen klettern kann, ohne dabei je schrill zu werden, gibt es kein zweites Mal.

Indessen hat Russell auch auf die Gestaltung der Platten einen größeren Einfluss, als man gemeinhin annimmt: "Grundsätzlich ist Ron der Songwriter. Wahrscheinlich verdiene ich gar nicht das Privileg, als Co-Autor genannt zu werden (lacht). Aber ich mache die Mixes und das Engineering. Das hat einen kreativen Impact, der nicht so sehr mit Songwriting zu tun hat als vielmehr Richtung Produktion geht. Wir haben mit wirklich großen Produzenten gearbeitet: Tony Visconti, Todd Rundgren, Muff Winwood, Giorgio Moroder. Von ihnen haben wir viel gelernt und wir sehen es als unsere große Verantwortung an, ihren hohen Standards gerecht zu werden."