Der Albumtitel lädt zum heiteren Raten ein. Zumindest wenn man noch nicht gehört haben sollte, dass "Chromatica" ein Ort in der Seele von Lady Gaga ist, bei dem es sich um einen Planeten handelt, auf dem es dystopisch zugeht – was man als Metapher für Seelenpein verstehen muss –, könnte man eine Lehreinheit zum Thema Musiktheorie (chromatische Tonleitern, wir erinnern uns!) aus naheliegenden Gründen ausschließen. Pop muss simpel sein.

Chromatizität im Sinne von Buntheit und Farbsättigung wiederum bekam man zwar in den Musikvideos zu den heftig auf Synchrontanz basierenden Vorabsingles "Stupid Love" und "Rain On Me" geboten, die Lady Gagas Rückkehr zur guten alten Künstlichkeit bei gleichzeitiger Wiederbesinnung auf drei strahlende Großbuchstaben namens Pop demonstrieren sollten, wo auf dem letzten regulären Studioalbum "Joanne" von 2016 ungewohnte Zurück-zur-Natur-Heimeligkeit inklusive Wald-und-Wiesen-Romantik und etwas Lagerfeuergitarre vorgeherrscht hatte. Allerdings lohnt vor allem ein Blick ins Tierreich. Dort versteht man unter chromatischer Anpassung die Fähigkeit, mit der natürlichen Umgebung zu verschmelzen, um aus Schutzgründen nicht weiter aufzufallen.

Die natürliche Umgebung Lady Gagas sind auf "Chromatica" (Universal Music) nun die 1990er Jahre im Allgemeinen und – wieder einmal – eine darin noch ziemlich erfolgreich umgehende gewisse Madonna. Nach knapp 40 Spielminuten erklärt am Ende nicht zuletzt der Song "Babylon" in sämtlichen Plattitüden samt Gospelchor, wie man Madonna kopiert, die die Vorlagen der Voguing- und House-Szene kopiert – und damit im Falle von Lady Gaga mit einer 1:1-Replika um dreißig Jahre zu spät kommt und exakt überhaupt nicht weiter auffällt, was etwa eigene Ideen betrifft.

Auf den Putz hauen

Nach einem Gemeinschaftsalbum mit Tony Bennett im Abendroben-Jazz ("Cheek To Cheek", 2014), durchschlagenden Erfolgen als Schauspielstar ("A Star Is Born", 2018 ) und Start-up-Unternehmerin in der veganen Make-up-Branche sowie rund um ein zweijähriges Engagement in Las Vegas scheint die Lust jedenfalls groß gewesen zu sein, wieder einmal mit in drei Minuten keinesfalls überkomplexen elektronischen Partysongs auf den Putz zu hauen. Wobei man erwähnen muss, dass Lady Gaga aktuell auch von Depressionen und ihrer Überwindung spricht und mit "911" diesmal nicht von ungefähr einen Song über ihr Antipsychotikum Numero uno dabeihat. Wie man ebenfalls aus dem Gesamtwerk von Madonna weiß, wurde so ein Dancefloor ja vor allem deshalb erfunden, um da draußen in dunklen Nächten Befreiung zu erlangen, wenn das Stroboskopgewitter loslegt und gerade keine Pandemie herrschen sollte. Feministisch abgefedert heißt es dazu im Song "Free Woman": "This is my dancefloor I fought for!"

Apropos Feminismus: Die 1990er Jahre waren natürlich auch eine Zeit, in der es Eurodance gab und das "Barbie Girl" von Aqua regierte: "You can brush my hair / Undress my everywhere" – was einem einfällt, wenn Lady Gaga gleich eingangs mit "Alice" diesbezüglichen Musik-Gottheiten wie Haddaway ("What Is Love") huldigt und in Stücken wie "Plastic Doll" einen "Barbie Girl"-Aufguss unternimmt, der den Bogen zurück in den Bereich der Frauenrechte – uff, uff! – dann zum Glück aber eh noch schafft: "I’m no toy for a real boy!" Gleichzeitig wird dabei auch ein Update für die beginnenden 2020er Jahre mitgebracht: "I’ve got blonde hair and cherry lips / I’m state of art, I’m microchipped."

House als aktuelle Hauptinspirationsquelle setzt es übrigens in den beiden regionalen Spielarten "french" und Chicago. Einmal fällt ein Drum-’n’-Bass-Beat ein – und im Falle des stotternden Synthie-Intros von "Replay" geht es musikhistorisch mit einer Anspielung an "Baba O’Riley" von The Who sogar ins ferne Jahr 1971 zurück, in dem auch ein Mann namens Elton John bereits gut im Geschäft stand.

Im Gegensatz zu weiteren Gästen wie der K-Pop-Band Blackpink oder der Kaulquappenheldin Ariana Grande blickt der als Elder Statesman im Entertainment- und Ausschweifungsgewerbe autobiografisch bereits etwas patinierter auf ein Vorleben zurück. Im Duett mit Lady Gaga heißt es: "When I was young, I felt immortal." Nennen wir Elton John den generationenübergreifenden Faktor des Albums.