Eine Corona-Ausgangssperre, einen blauen Putzeimer, eine Gitarre und ein Handy. Mehr brauchten Klaus Stroink, Rai Benet und Guillem Boltó nicht, um praktisch über Nacht berühmt zu werden. Die drei Freunde aus Barcelona wohnten erst seit wenigen Monaten in einer WG zusammen, als die Corona-Pandemie Mitte März auch in Spanien ausbrach.

Die drei sind Musiker. Klaus (25) und Rai (28) spielen Trompete und Bass in einer lokalen Band namens Buhos, Guillem (25) Posaune in der Gruppe Doctor Prats. Zwei Bands, die über die Stadtgrenzen hinaus kaum bekannt sind. Normalerweise spielen sie in kleinen Clubs und Bars in der spanischen Mittelmeermetropole vor wenigen Dutzend Zuhörern.

Um die Langeweile der strikten spanischen Ausgangsspeere zu töten, fingen sie an, auf dem Sofa ihrer WG ein Lied zu komponieren. Über das Coronavirus, die Ausgangssperre, die neuen Lebensumstände. Am Abend setzten sie sich auf ihre Dachterrasse und fingen an, den Song zu spielen. Klaus sang, Guillem verwandelte den blauen Putzeimer der WG in ein Schlagzeug und Rai holte seine Gitarre heraus. Als Gag richteten sie sich einen Instagram-Account ein, den sie "Stay Homas" nannten. Im Live-Video luden sie Freunde und Familienangehörige zum Musik-Gig ein.

Total crazy

Womit sie nicht rechneten: Ihr Reggae-"Confinationsong" auf Spanglish, einem Mix aus Spanisch und Englisch, ging viral. "Wir begreifen selber noch nicht, was eigentlich passiert ist. Plötzlich kamen tausende neue Follower hinzu und baten uns, mehr Songs zur Corona-Ausgangssperre zu komponieren", sagt Klaus.

Warum eigentlich nicht? Die Geschichte kam ins Rollen. Innerhalb weniger Tagen reichte ihre Instagram-Fangemeinde weit über die Landesgrenzen hinaus. "Leute aus Argentinien, den USA und Indonesien folgten uns plötzlich. Total crazy", meint Guillem. Mittlerweile haben sie auf Instagram 407.000 Follower. Spanische Schauspieler folgen ihnen und sogar Politiker wie Kataloniens Separatistenführer Carles Puigdemont.

30 Songs haben sie bereits während des Corona-Alarmzustands komponiert. 10 Millionen Mal wurden ihre Videos schon auf YouTube aufgerufen. Jeden Morgen setzen sie sich nach dem Kaffee ins Wohnzimmer der WG, komponieren ein Stück und spielen es noch am gleichen Abend im Instagram-Livevideo auf ihrer Dachterrasse. Im Hintergrund kann man das Mittelmeer und die Altstadt Barcelonas erahnen. Der Blick wird von vertrockneten Blumen, einem Grill und einem geklauten Verkehrsschild verdeckt. Die drei sitzen vor dem Laptop auf Second-Hand-Holzstühlen und legen los.

Sie sind witzig, spontan, natürlich - wie ihre Corona-Songs. "Vielleicht ist das unser Erfolgsrezept? Wir haben keine Ahnung. Wir machen keinen billigen Low-Cost-Optimismus in Corona-Zeiten, sondern Songs mit good vibes, nach denen sich die Leute anscheinend gerade sehnen", meint Klaus.

Druck spüren sie nicht. "Die Erwartungshaltung der Leute steigt, aber wenn du jeden Tag einen Song komponierst, kannst du nicht sonderlich perfektionistisch sein", so der Deutsch-Katalane. "Außerdem konnten wir bisher keine Kriterien für den Online-Erfolg feststellen. Wenn wir einen Song nicht so gut fanden, kam er super an und umgekehrt", ergänzt Guillem.

Nur wenn sie mit berühmten Musiker zusammenarbeiten, fühlen sie sich ein wenig unter Druck und wollen auf der Höhe des Anspruchs sein. Und derzeit arbeiten sie mit einigen Stars zusammen. Viele berühmte Sänger aus Spanien wurden auf die drei zuvor vollkommen unbekannten "Corona-Ausgangssperren"-Musiker aufmerksam, fingen an, ihre Videos auf Twitter und Instagram zu teilen. Einige meldeten sich und fragten, ob sie beim aktuellen "Tagessong" mitmachen dürften.

So entstand die Hälfte ihrer Lieder mit Beteiligung bekannter Musiker wie Pop-Star Pablo Alborán, der andalusischen Flamenco-Sängerin María José Llergo oder dem französisch-spanischen Sänger Manu Chao. Morgens komponieren sie einen Song, schicken ihn am Nachmittag per WhatsApp dem jeweiligen Gast-Musiker, der sich selber aufnimmt. Und abends spielen sie den Part im Instagram-Livevideo ein. So entstanden verschiedenste Stile - von Flamenco über Balladen und Jazz bis hin zu Rap-, Pop-, Reggae-Songs. "Wir wären auch bereit, demnächst mit Billie Eilish oder Beyoncé ein Lied einzustudieren", lacht Rai.

Corona sei Dank

Vielleicht gar nicht so abwegig. Vor einigen Wochen kontaktierte sie auch der weltbekannte kanadische Jazz-Sänger Michael Bublé und fragte, ob er einen ihrer Songs auf einem Benefiz-Konzert in Montreal spielen dürfte. Sony Music hat bereits ihre erste Single produziert und im Herbst soll ein ganzes Album von "Stay Homas" herauskommen. Ihr erstes Konzert findet Ende Juli in Barcelonas bekanntem Konzertsaal Sala Apolo statt. Die Karten waren innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Am Mittwochabend kam dann der ganz große Durchbruch - ihr erster TV-Auftritt. Und zwar in der populären Gesangs-Talent-Show "Operación Triunfo", die spanische Version von "Deutschland sucht den Superstar".

"Eigentlich dachten wir, wir würden die Ausgangssperre mit Netflix-Serien und unserer Playstation verbringen. Doch aus einer Sache, die eigentlich nur dazu dienen sollte, unseren monotonen Alltag aufzuheitern, wurde plötzlich ein Fulltime-Job", lacht Rai. Die drei sitzen für das Skype-Interview mit der "Wiener Zeitung" wie in ihren Musikvideos auf der mittlerweile vielleicht bekanntesten Dachterrasse Spaniens und können sich vielleicht auf eine steile Musikkarriere freuen. Dank Corona-Krise!