"The revolution will not be televised." Aktuell gibt es wieder sehr viele Anlässe, um an die Aussage und den gleichnamigen Song des großen Soul-Jazz-Poeten Gil Scott-Heron von 1970 zu denken. Immerhin trifft das darin adressierte Themenfeld der schwarzen Unterrepräsentation, das Einfordern einer aktiven Rolle im Kampf gegen Oppression und die Rolle des seinerzeitigen Massenmediums Nummer eins heute auf die sogenannte neue Realität der Social-Media-Welt.

Dort konnte man zuletzt ungefiltert sehr viele Videos sehen, die entschieden härter ausfielen als allfälliges unter dem Deckmantel der Fiktion abgedrehtes Filmmaterial: Brutal ausgeübte Polizeigewalt gegen längst Wehrlose mag uns zwischenzeitlich zwar wieder einmal den Glauben an das Gute im Menschen verlieren lassen. Das aktive Eingreifen durch Dokumentieren und Teilen ermöglicht neben Sichtbarkeit aber auch eine mitunter globale Dynamik. Zumindest die Wurzeln und die Ursachen des Aufstandes, sie werden heute getwittert und gehashtagged.

Repolitisierter Hip-Hop

Das 2013 gegründete US-Hip-Hop-Duo Run The Jewels um den aus New York stammenden weißen Rapper und Produzenten El-P und seinen afroamerikanischen MC-Kollegen Michael Render alias Killer Mike aus Atlanta, Georgia, beschäftigt sich nicht nur bereits seit Jahren musikalisch mit Polizeigewalt und der kapitalistisch geprägten Unterdrückung eines Systems, in dem es für Ausbildung und Gesundheit zuerst einmal harte Dollars braucht. Im echten Leben tritt Killer Mike auch als Aktivist in Erscheinung, wobei man bei einer Pressekonferenz zu den Ausschreitungen in seiner Heimatstadt nach dem Tod von George Floyd zuletzt das tränenüberströmte Gegenteil eines harten Rappers erlebte. Wo Run The Jewels auf ihrem dritten Album 2016 Martin Luther King Jr. zitierten ("A riot is the language of the unheard"), trat Render - selbst Sohn eines Polizisten - für die Absicht ein, nicht wahllose Ziele niederzubrennen, sondern ein System, das strategischen Rassismus ermöglicht.

Die Waffen von Run The Jewels sind also in der Tradition ihres Genres zu finden: Es handelt sich wieder einmal um Worte, die bekanntlich mächtiger sind als das Schwert und die uns gemeinsam mit dringlichen Beats heftig mit dem Kopf nicken lassen - auch wenn man diesen eigentlich nur mehr schütteln möchte. Ganz nebenbei und in Gefolgschaft der Rap-Repolitisierung und -Repoetisierung durch Kendrick Lamar und sein zum Soundtrack der Black-Lives-Matter-Bewegung angewachsenes Meisterwerk "To Pimp A Butterfly" von 2015 führte und führt das Duo die zu lange hinter hohlen Gangsta-Posen verschanzte Hip-Hop-Szene zu neuer Relevanz - und alter Stärke.

Dräuende Sounds, Streicher mit Trauerflor, pochende Beats und eine Produktion, die zwar ein sehr geschicktes Händchen im Umgang mit Synthesizern demonstriert, das elektronische Klangdesign aber immer wieder organisch mutieren lässt: Auf dem erst im September physisch erscheinenden, aus naheliegenden aktuellen Gründen aber zur Online-Veröffentlichung vorgezogenen neuen Streich "RTJ4", der im Internet gratis oder gegen eine Spende an den National Lawyers Guild Mass Defense Fund, ein für politische Aktivisten engagiertes Juristen-Netzwerk, erhältlich ist, gehen Referenzen an die Hip-Hop-Geschichte mit einer auf State of the Art gepolten Produktion einher. Dazwischen setzt es Gastauftritte von Pharrell Williams und der mit Protestnoten an die Exekutive wohlvertrauten Rage-Against-The-Machine-Leihgabe Zack de la Rocha. Aber auch die Sängerin und Bürgerrechtsaktivistin Mavis Staples und Josh Homme von den Queens Of The Stone Age ziehen gemeinsam mit Run The Jewels in den Kampf.

Beklemmung und Gänsehaut

Die Vorabsingle "Ooh La La" besingt das Ende des Kapitalismus bei einer guten alten Blockparty - und verbrennt dabei buchstäblich Geld. "Walking In The Snow" nimmt das Thema der sozialen Kälte abermals im Sinne von Gil Scott-Heron ("Winter In America") auf und untersucht die Ausschreitungen auf der Straße als Spektakel für Weiße: "And you sit there in the house on couch and watch it on TV / The most you give’s a Twitter rant and call it a tragedy." Und während das Kollektive an diversen Stellen vor allem über das Autobiografische verhandelt wird ("Black child in America, the fact that I made it’s magic!"), sorgt nicht zuletzt eine Tatsache für Beklemmung: Mit dem Zitat "I can’t breathe!" beziehen sich Run The Jewels nicht auf die letzten Worte von George Floyd - ihr Album war zu dessen Tod bereits fertig. Stattdessen wird man an die gleichlautenden letzten Worte von Eric Garner in einem ähnlichen Fall aus dem Jahr 2014 erinnert und versteht Zorn und Hilflosigkeit auch als Produkt eines Teufelskreislaufes aus Folgenlosigkeit und Wiederholung.

"A Few Words For The Firing Squad" richtet sich am Ende im historischen Brückenschlag zu "Strange Fruit" von Billie Holiday und den Lynchmorden im US-Süden direkt an das bewaffnete Gegenüber, während alles an den Arrangements nach Erlösung strebt. Ein Gänsehaut machendes Stück. Ein Album des Jahres.