Meistens schaut Sam Dust, der in einem früheren Leben als Popstar-Aspirant Samuel Eastgate geheißen hat, auf Fotos ein bisschen zwider aus der Wäsche. Diesem Mann muss man Social Distancing nicht extra beibringen, signalisiert das skeptisch-misstrauische Gesicht unter einem Fünf-Tage-Bart und stacheligen Strähnen, die zu lange ohne fassonierende Eingriffe gesprossen sind. Und alles, was von Dust, der 1982 in der Gegend von Nottingham auf die Welt gekommen ist, bekannt/sichtbar ist, verstärkt diese Aura: Nachdem sich um 2010 das hochbegabte Quartett Late Of The Pier, dessen Sänger und Songschreiber er gewesen war, aufgelöst hatte, zog er sich mit einer Unzahl von Synthesizern und einem Aufnahmegerät in die Hügel von Wales zurück, um Musik zu produzieren und elektronische Klangerzeuger zu basteln.

Fünf Jahre dauerte dieses von vereinzelten Gigs unterbrochene persönliche Exil, in dessen Lauf er jegliches Zeitgefühl verloren haben will (was vermutlich stimmt). Bei Konzerten, die er zumeist alleine bestreitet, wirkt er, durch die Vielzahl an analoger und digitaler Gerätschaft um ihn herum abgeschirmt, eher wie ein DJ in seiner Zelle denn ein Popmusiker in seinem Bühnenreich, und man könnte vergessen, dass Dust bei Late Of The Pier einen ziemlich exaltierten Performer gegeben hat.

Mit allen seinen Abschottungstendenzen ist Sam Dust kein eremitischer Spinner: Durchaus bereitwillig gibt er Interviews und trifft in diesen auch durchaus intelligible Aussagen. Und dass er seine Platten großteils alleine fertigt, liegt salopp gesagt einfach daran, dass er anderen Musikern die Arbeit mit ihm nicht zumuten will. Denn wenn er von einer Idee überzeugt ist, kann er, wie er in einem Interview mit dem Musik-Blog "Wickedd Childd" einräumt, schon einmal etwas rüde dafür eintreten.

Seit 2015 veröffentlicht Dust unter dem Alias LA Priest Musik, die seine britische Herkunft Lügen zu strafen scheint. Denn sein eklektizistischer Mix aus Funk, Electronica, Rock, Psychedelia und dissonanten Experimentaleinlagen legt weniger Wert auf Stilsicherheit als er vielmehr auf große amerikanische Individualisten wie Prince, Todd Rundgren oder Arthur Russell verweist. Schon der bisweilen hyperventilierende Dance-Punk-Rock von Late Of the Pier wies eher in Richtung amerikanische Acts wie !!!, LCD Soundsystem oder The Rapture denn auf britische Zeitgenossen.

Dieser Tage ist das neue LA- Priest-Album "Gene" erschienen. Zwischen ihm und dem gefeierten "Inji" liegen fünf Jahre und eine Kooperation Dusts mit dem geistesverwandten neuseeländischen Freigeist Connan Mockasin unter dem Namen Soft Hair, die sich durchaus in einem ähnlichen Kraftfeld bewegt.

Störgeräusche

Auch "Gene" hat wieder eine mythenlastige Vorgeschichte, denn während seiner Genese baute Dust eine analoge Drum-Machine gleichen Namens, die nicht nur einen bestimmten Beat, sondern variable rhythmische Strukturen kann. Wie der Vorgänger fängt das zweite LA-Priest-Album mit einem von Prince beeinflussten Song an, der den leicht schlüpfrigen Funk-Rock von "Cream" aufgreift. In der Folge prallen in einnehmenden Stücken zu quasi-existenzialistischen Inhalten der Marke "Was macht uns zu dem, was wir sind?" wunderschöne Melodien und behände, an Richard Thompson anklingende Gitarren auf (g)rollende Synthie-Bässe.

Bei "Open My Eyes", das in Zeilen wie "We climb in the cage for the tamer we’re paying" den Zulauf zu fragwürdigen Politikern oder sonstigen Rattenfängern zu reflektieren scheint, und der bluesigen Ballade "Sudden Thing" findet diese Entwicklung auf halber Strecke ihre Vollendung. Dann zerfleddert die Platte unvermittelt in Trümmer. Die Texte verkommen zu unheilvoll kürzelhaftem dystopischem Gestotter, während die Musik mit Lagen elektronisch-perkussiver Lärmerzeugung, Störgeräuschen und Gitarren-Genudel funkensprühend wie ein havariertes Nascar-Gefährt durch die Gegend scheppert. Diese Kühnheit, den Hörer erst zu umschmeicheln und dann mit Bulldozern aufzufahren - das ist, mit Verlaub, ziemlich geil.