Es ist ein bisschen wie ein Dorf mitten in einer Megastadt: Laurel Canyon ist eine ländliche Wohngegend in Los Angeles - und ein Dreh- und Angelpunkt der Pop- und Rockgeschichte. Hier lebten in den 1960ern und 1970ern wichtige Protagonisten der Musikszene wie Neil Young, Carole King, Alice Cooper, Stephen Stills, John Mayall, Nico, Leonard Cohen, Don Henley, Frank Zappa und viele andere. Pamela Des Barres, damals "hauptberuflich Groupie", beschrieb die Atmosphäre in ihren Memoiren so: "Man hörte Musik aus jedem Fenster. Es gab überall Partys. Man wusste nie, was als Nächstes passiert."

Berühmt für ihre Partys war vor allem "Mama" Cass Elliott von der Band "The Mamas and the Papas" ("California Dreamin‘"). Sie lud zwar nicht direkt ein, aber an Wochenenden, so erzählte diese moderne Hippie-"Salondame" einmal, kaufte sie "einen Haufen Delikatessen ein, denn ich wusste, David Crosby wird zum Schwimmen vorbeikommen und dann wird allerlei geschehen. In meinem Haus passiert Musik, und das gefällt mir." Kein Wunder, auf ihrer Wiese picknickten dann Kaliber wie Joni Mitchell und Eric Clapton, Neil Young spielte sein neuestes Lied vor, während beim Nachbarn Stephen Stills (von der Band Crosby, Stills and Nash) Mick Jagger in der Hängematte auf der Gitarre improvisierte.

Taylor Jenkins Reid. - © S. Witter
Taylor Jenkins Reid. - © S. Witter

Diese ganz besondere Ära einer scheinbar gemeinschaftlichen, lässigen Schöpfungsphase der Popkultur war es, die Taylor Jenkins Reid zu ihrem Roman "Daisy Jones & the Six" inspirierte. "Das war so eine faszinierende Zeit in Südkalifornien. Völlig unterschiedliche Persönlichkeiten kamen zusammen und erlebten ihren Aufstieg inmitten ihrer komplizierten Beziehungen zueinander. Die Verrücktheit dieser Zeit - da wäre ich gern dabei gewesen."

Und "komplizierte Beziehungen" ist auch das Stichwort für die zweite Inspirationsquelle für Taylor Jenkins Reid: das Album "Rumours" der Band Fleetwood Mac von 1977. Es ist nicht nur eins der meistverkauften der Geschichte, es ist auch immens aufgeladen mit Interpretationsmythos. Die Songs auf dieser Platte basieren stark auf der persönlichen Zerrüttung der Band zu jener Zeit - und zwar vor allem der Liebespaare Stevie Nicks (Sängerin) und Lindsey Buckingham (Gitarrist), die sich entzweit hatten, sowie der amourösen Pein von Christine McVie (Keyboard).

Gebrochene Herzen

"Stevie Nicks und Lindsey Buckingham sind so gut darin, uns gerade so viel über ihre persönliche Liebesgeschichte, darüber, was vorgefallen ist, wissen zu lassen, dass wir reingezogen werden. Aber sie erzählen eben nicht genug. Den Rest muss man zwischen den Zeilen lesen. Man versucht die ganze Zeit, draufzukommen, was einem genau nicht erzählt wird. Man kann sich dabei aber so gut in ihre gebrochenen Herzen hineinversetzen, ihren Schmerz, ihre Hoffnungen. ,Go your own way‘ von Lindsey Buckingham ist so ein schroffer Song, der einfach nur sagt: Mit dir bin ich fertig. Oder wenn Stevie Nicks ,Silver Springs‘ singt - so viele Frauen haben dieses Lied gehört und sich gedacht, das bin ich, ich bin so wütend auf diese Person, die mich im Stich gelassen hat."


Diese "Technik" hat sich übrigens auch weiter fortgesetzt in der Popmusik: "Taylor Swift hat ihre ganze Karriere auf dieser Art des Songwritings aufgebaut, auch Beyoncé macht das oder Ariana Grande. Ich mag es, wenn ich Musik höre und mich frage: Worum geht es hier eigentlich? Welches Osterei könnte ich hier finden?"

In ihrem Roman "Daisy Jones & the Six" erzählt Jenkins Reid die Geschichte einer Band, wie es sie zu genau dieser Zeit geben hätte können. Daisy Jones hängt am Sunset Strip in L.A. ab, das Groupiedasein ist ihr aber nicht genug - immerhin ist sie nicht nur betörend schön, sondern auch eine begabte Sängerin. Als sie mit der Band "The Six" von Billy Dunne zusammengespannt wird, ist der Weg frei für eine legendäre Karriere mit allerlei Höhen, Tiefen und Drogenvielfalt. Jenkins Reid erzählt dieses Rockmärchen in Form einer "Oral History", also durch aneinander montierte Aussagen der Protagonisten. Das passt zum Bedürfnis vieler, hinter die Kulissen im Musikbusiness schauen zu wollen - "das zieht Menschen an wie das Licht die Motte", analysiert Jenkins Reid.

Das Jahr 1977

Taylor Jenkins Reid hat sich dabei an Dokumentationen orientiert: "Besonders fasziniert hat mich ,The History of The Eagles‘, eine dreistündige Doku, die ich mir immer wieder angeschaut habe. Es ist eine Studie über Banddynamik und wie schwer es - auch psychologisch - ist, Kunst mit den immer gleichen Leuten zu kreieren. Da steht auch viel Geld am Spiel. Es ist kein Wunder, dass das irgendwann auseinanderbricht." Empfehlen würde sie auch die Doku über das Jahr 1977 aus der Reihe "VH1 Behind the Music": "Irrsinnig faszinierend, wie in diesem Jahr so viele verschiedene Stile verschmolzen."

Daisy Jones mag im Roman als etwas mächtiger erscheinen, als dies zu jener Zeit für Frauen möglich war. Jenkins Reid sieht das aber nicht so: "Frauen im Rock sind und waren starke Frauen, die sich nicht davor fürchten, sich selbst auszudrücken. Gerade in den 70ern gab es extrem erfolgreiche Musikerinnen, Carole King, Joni Mitchell zum Beispiel. Die brachten ihren Plattenfirmen eine Menge Geld, die waren also auch mächtig und sehr einflussreich."

Und trotzdem wurden Frauen in der Popgeschichte oft als Konflikt-Auslöserinnen abqualifiziert, siehe Beatles: "Für dieses Narrativ habe ich keine Geduld. Wer sich ernsthaft mit den Beatles zu jener Zeit beschäftigt und immer noch sagt, Yoko Ono war der Grund für die Trennung, mit dem kann man nicht diskutieren. Der will einfach glauben, dass Yoko Ono schuld war. Aber es sind oft unglaublich langweilige Gründe, die eine Band zerbrechen lassen. Da ist natürlich eine mysteriöse Frau viel glamouröser."

"Daisy Jones & the Six" wird als Serie verfilmt werden - allerdings sind derzeit die Dreharbeiten aus den bekannten Corona-Gründen gestoppt. Erstmal muss man sich also für die musikalische Zeitreise mit der eigenen Fantasie begnügen. Was hätte Taylor Jenkins Reid denn eigentlich selbst gemacht, wenn sie zu "Mama" Cass eingeladen worden wäre? "Oh Gott, wahrscheinlich wäre ich die ganze Zeit schüchtern in einer Ecke gesessen, hätte versucht, mir jede Sekunde genau zu merken, und hätte mit meinem Mann getuschelt: ,Schau, da ist Neil Young!‘"