Der Einstieg schleppt sich ähnlich bedrückt dahin wie der"Lonely Boy" in "Out On The Weekend", der, obwohl seine Freundin ihn "ehrlich liebt", keine Freude (emp)finden kann. Auch in "Seperate Ways", dem Opener von Neil Youngs dieser Tage veröffentlichtem "verschollenen" Album "Homegrown", ist die Stimmungslage des Protagonisten ziemlich lausig - rätselhaft ist daran allerdings rein gar nichts: Glasklar hat er eine Trennung zu verarbeiten und versucht, seine Lebensgeister bei Laune zu halten.

Dieses Thema, dem im realen Leben der Split zwischen Young und seiner damaligen Lebensgefährtin, der Schauspielerin Carrie Snodgress, vorangegangen war, zieht sich dann noch weiter durch das Album, das in der zweiten Jahreshälfte 1974 aufgenommen worden ist und planmäßig 1975 dem fragmentierten "On The Beach" nachfolgen hätte sollen.

Schuldgefühle

Stattdessen erschien der noch ärger zerfledderte, depressive Longplayer "Tonight’s The Night", der seinerseits zwei Jahre auf Eis gelegen war, weil sich die Plattenfirma lange geweigert hatte, ihn zu veröffentlichen. Dass Neil Young "Homegrown" zurückgehalten hat, begründet der Musiker damit, dass ihm die Songs seinerzeit zu nahe gegangen waren. Warum es ganze 45 Jahre gedauert hat, ist damit zwar nicht erklärt - dafür aber hilft uns der Meister bei der Katalogisierung: "Homegrown" sei, so hat er verlauten lassen, das Bindeglied zwischen den Alben "Harvest" und "Comes A Time".

In dieser Aussage verbirgt sich Geschichte. Neil Young, der mit seiner ersten Band Buffalo Springfield immerhin einen prototypischen Prä-Grunge-Klassiker ("Mr. Soul") kreiert und mit seinem zweiten Soloalbum "Everybody Knows This Is Nowhere" einen grobkantigen und bisweilen brutal insistenten Rockstil aus der Taufe gehoben hatte, traf am Beginn der 1970er Jahre mit so empfind- wie einfühlsamen Balladen über die Zerstörung der Umwelt, die destruktive Wirkung harter Drogen und das "Versprechen eines richtigen Mannes" den nach dem Scheitern vieler Erlösungsversprechen der 60er Jahre devastierten Nerv der Zeit: "After The Gold Rush" (1970) und besonders das Multi-Platin-veredelte "Harvest" von 1972 wurden solchermaßen zu Bestsellern und betonierten Youngs Ruf als "sensibler Liedermacher".

Begreiflicherweise wollte die Plattenfirma mehr von diesem Stoff und war entsetzt über "Tonight’s The Night", auf dem ein von Schuldgefühlen wegen des Rauswurfs und prompten Todes seines Gitarristen Danny Whitten gequälter Young seine Verfassung resignativ mit windschief gekrächztem Falsett zur musikalischen Form erhob. Chronologisch war "Tonight’s The Night" der Auftakt, vom Veröffentlichungszeitpunkt her nach "Time Fades Away" und "On The Beach" der Endpunkt jener Reihe von Platten, die als Youngs "Ditch Trilogy" in die Rock-Geschichte eingegangen ist, weil sie allesamt Gefälligkeit und Perfektion verweigerten.

Aus eigenem Anbau

"Harvest" habe ihn, so Young in den Liner Notes zu seiner Kompilation "Decade", auf die Mitte der Straße befördert. Dort aber habe er sich gelangweilt und sich lieber Richtung Straßengraben (ditch) orientiert. Dieser Metaphorik zufolge läge "Homegrown" in der Mitte einer Middle-of-the-Road-Trilogie, die mit "Harvest" beginnt und 1978 mit dem agilen "Comes A Time" endet, auf dessen Cover Young grinst wie ein Motivationsseminarleiter. Die Mehrzahl der Songs ist akustisch gehalten - und wie auf "Harvest" ("Are You Ready For The Country?") wird die Gangart mit einem Titel verschärft, der an sich Gemütlichkeit und Entspannung suggeriert: "Homegrown" meint Gras aus eigenem Anbau.

Das Titelstück ist ebenso wie das bittersüße "Star Of Bethlehem (mit Emmylou Harris als Gaststimme) bereits auf dem Album "American Stars ’n Bars" zu hören gewesen. Auch andere Tracks kennt man bereits, das schöne "White Line" etwa von "Ragged Glory". Ja, sogar die lakonische Spoken-Word-Story über den Absturz eines Segelfliegers, dessen Pilot genau auf ein Liebespaar fällt, war bereits in der Beilage zu "Tonight’s The Night" zu lesen gewesen.

Und damit wären wir beim generellen Problem solcher "Novitäten" mit historischer Patina: Der Novelty-Effekt ist eben doch recht reduziert. Es spricht für "Homegrown", dass es trotzdem als Entität überzeugen kann.