Wenn uns metallische Klangsplitter um die Ohren fliegen, die an eine Massenkarambolage auf der Westautobahn erinnern, die Grundstimmung auch mit supernervösen Häckselbeats aus dem Laptop eher angespannt ist und sich zu sehr gerne auch expliziten Inhalten in begleitenden Musikvideos, Videoinstallationen und als Performancegrundlage angerichteten spanischen Songtexten Gesänge gesellen, die gleichermaßen auf schöngeistigen Kirchenlied-Diskant, KI-Vortrag oder den Sound der Chipmunks auf LSD setzen, dann haben wir es vermutlich mit Arca zu tun.

1989 als Alejandro Ghersi in Venezuela geboren, stand der heute als nonbinäre Transgenderkünstlerin aktive ehemalige Produzentenkönig spätestens ab dem auf Daniel Millers einflussreichem Mute-Label veröffentlichten Debütalbum "Xen" von 2014 und dem ein Jahr und einen Wechsel zu XL Recordings später nachgeschobenen und gleichfalls noch instrumental gehaltenen Nachfolger "Mutant" an der Speerspitze der zerfaserten Elektronikszene, die hier noch einmal avantgardistisch gedeutet werden wollte.

Angesagtes Herumstehen

Entsprechend erlebte man Arca nicht nur an den internationalen Hotspots für angesagtes Herumstehen und entrückte Pupillen und hierzulande vor zwei Jahren auf dem Hyperreality-Festival der Wiener Festwochen in einer Sargfabrik draußen in Atzgersdorf. Auch konnte man ein frühes Tauziehen darum erleben, wer den aufstrebenden It-Boy aus dem Produzentenmilieu als Erstes - und am ehesten - für sich gewinnen würde. Nach, vor und zwischen Namen wie Kanye West, FKA twigs und Kelela benötigte etwa die isländische Pop-Eklektikerin Björk in Sachen Trendstaubsaugen zwar etwas Zeit, dafür fiel die Zusammenarbeit umso nachhaltiger aus. Björk sprach über Arca nicht als Erfüllungsgehilfen, sondern von einer Kooperation auf Augenhöhe sowie anlässlich ihres Albums "Utopia" (2017) sogar von der Offenbarung einer regelrechten "Arca-Björk-Überlappung".

Björk hat es auch zu verantworten, dass Arca auf seinem selbst betitelten Album (gleichfalls 2017) überhaupt erst seine Stimme für sich entdeckte und somit auch in Textform erstmals zum Ausdruck brachte, was sich bis dahin nur auf der visuellen Ebene erschloss. Diesbezüglich legt der nun erschienene vierte Streich "Kick I", eine Reinkarnation und Standortbestimmung Arcas als Transgenderkünstlerin, noch einmal nachdrücklicher Zeugnis ab. Gleich im programmatisch betitelten, rhythmusbetonten Opener "Nonbinary" heißt es zu in den prototypischen Häckselsound gemischten Schussgeräuschen ausnahmsweise auf Englisch: "I don’t give a fuck what you think. You don’t know me. (...) What a treat it is to be nonbinary." Aber auch das Verlangen nach schnellem Sex mit harten Machos oder danach, beim Sich-gut-Fühlen auf hohen Stöckeln am Weg in den Club von interessierten Augenpartien abgecheckt zu werden, steht auf dem Programm. Wir hören, dass Anzüglichkeit als Widerspruch in sich selbst vor allem dazu dient, dass man sich auszieht.

Als Stargast Numero uno hat Björk diesmal übrigens eine stimmliche Leihgabe via Dateiaustausch per E-Mail geschickt. Man hört einen Björk-Song mit Blubberbeats und Gesangsmelisma, den man als klassischen Björk-Song bezeichnen würde, wäre da nur nicht mit isländischem Zungenschlag das Wort "Coohoorazoohóóóóón" zu hören, weil in irgendeinem spanischen Grundgesetz aus dem 16. Jahrhundert vom romantischen Cousin des Königs verankert wurde, dass das Wort "Corazón" in jedem spanischen Song verpflichtend zu fallen hat. Gemeinsam mit Arcas Transgender-Kollegin Sophie geht es nicht nur vergleichsweise syllabisch zu. Und während im Verbund mit der katalanischen "Flamenco-Erneuerin" Rosalía Reggaeton als weiteres Echo einer Zeit regiert, in der man noch in den Club gehen konnte, klopft zum pumpenden und pochenden "Time" auf dem Highway zum Heimweg dann bereits das Morgengrauen an die Taxischeibe.

Friedlich, zugänglich, schwelgerisch der Abschluss mit "Machote" und "No Queda Nada": "No queda nada / Sino yo en ti" - "Nichts übrig außer ich in dir." Standortbestimmung gelungen.