Auf dem Albumcover sieht man die Mitglieder der US-Band Haim im Outfit einfacher Wurstfachverkäuferinnen unter einer Reihe an getrockneten Dauerwürsten mit latent andiniertem Blick vor der Budl. Das könnte man nun, je nach Betrachtungsweise, einerseits als etwas dreist bezeichnen. Immerhin sind die Schwestern Danielle, Este und Alana Haim in Los Angeles eher nicht mit Working-Class-Hintergrund aufgewachsen und als angesagtes wie auch kommerziell erfolgreiches Unternehmen im Pop-Geschäft ohne Zweifel ein Teil dessen, was man heute "white privilege" nennt.

Andererseits erklärt bereits der begleitende Schriftzug und Albumtitel "Women in Music Pt. III" (Universal Music) den Kontext und die Richtung, in die es gehen soll: Die Unterrepräsentation von Frauen, das Gagengefälle gegenüber männlichen Kollegen und der mitunter doppelt steinige Weg an die dünne Speerspitze sind in der Branche ein Faktum, das sich nur langsam verändert - selbst wenn der feministische Anstrich längst auch unter Mainstream-Acts zum guten Ton gehören sollte.

Toxische Beziehungen

Zu gerne hätte man zwar nun auch die Haim-Schwestern dabei erlebt, wie sie das Patriarchat beim Schwanz packen, um gegen das System vorzurücken und alles anzuzünden. Leider allerdings führt der Albumtitel da in die Irre - und das alles passiert gar nicht. Warum auch mit Gebrüll und bei Gefahr möglicher Verluste in Schlachten ziehen, wenn man es sich hinter einer bloßen Behauptung auch behaglicher einrichten kann? Von einer einzigen Ausnahme abgesehen verzichten Haim auf "Women in Music Pt. III" auf forsche Statements in Wort und Ton und vermeiden selbst bei ihrer Kernkompetenz, der zart belanglosen Boy-meets-Girl-Geschichte, die Konfrontation im Privaten, das bekanntlich immer das Politische ist. Nach vorangegangenen Bekenntnissen wie "All that ever mattered was you, baby" heißt es ganz im Gegenteil zur vorgegebenen Stoßrichtung schließlich auch im Abschlusssong "FUBT" als Conclusio über eine sogenannte toxische Beziehung relativ unterwürfig: "It’s fucked up, but it’s true / That I love you like I do."

Nach einer Vorkarriere gemeinsam mit Mama und Papa Haim als Familienband Rockinhaim, einer Neugründung als Schwesterntrio, der baldigen Hype-Genese via Watchlists, dem 2013 gereichten, hübsch bei Fleetwood Mac in ihrer "Rumours"-Phase andockenden Debütalbum "Days Are Gone", für das es das künstlerische Todesprädikat "nett" setzte, und schließlich dem etwas enttäuschenden Zweitling "Something To Tell" von 2017 haben Haim auf Album Nummer drei allerdings musikalisch ganz zu sich selbst gefunden.

Sexistische Fragen

Der frei fließende 70er-Jahre-Poprock als Soundtrack zum Roadtrip entlang der US-Westküste mit nassen Haaren im Wind und aus der Zeit gefallenen Flanger-Effekten wurde beibehalten, aber auch etwas erweitert. Allein zwischen dem anzüglichen 90er-Jahre-R&B von "3 AM" mit seinem Gummibass und den zart simonandgarfunkelnden Zupfgitarren von "Hallelujah" liegen mindestens drei Jahrzehnte und zahllose kalifornische Poolpartys mit und ohne Bikini. Aber auch ein Hauch UK Garage ("I Know Alone"), gelegentlich eingestreute Prince-Anklänge und eine verspielte Gitarrenhandhabung, wie man sie hierzulande von Bilderbuch kennt, ergänzen die Soundpalette. Wir hören ein Album, auf dem mit Hooklines nicht gegeizt wird und die Arrangements sitzen - sofern man es mitunter auch etwas cheesy mag.

Unter Mithilfe der bereits an den Vorgängeralben beteiligten Produzenten Rostam Batmanglij und Ariel Rechtshaid haben sich in den dreizehn leicht konsumierbaren Stücken und den drei Bonussongs aber auch graue Wolken zur Sonne gesellt. Stücke wie "I Know Alone" und "Hallelujah" behandeln depressive Phasen des Rückzugs und den Unfalltod einer Freundin. Mit dem im Klang besonders leichtfüßigen Lou-Reed-Wiedergang "Summer Girl" wiederum ("Walk On The Wild Side" in harmlos) stemmt sich Sängerin Danielle Haim mit Trost und Zuspruch gegen die Krebserkrankung ihres Partners und Produzenten Ariel Rechtshaid.

"Man From The Magazine" als große Ausnahme berichtet dann von Erfahrungen mit sexistischen Musikjournalisten und chauvinistischen Gitarrenverkäufern. Na bitte, es geht doch! Allerdings wird auch dabei nichts angezündet, der Song klingt eher wie ein verhuschtes Demo von Joni Mitchell.