Der Einstieg ruft sphärische Echos der "Mysteries" wach - also jenes magischen Trauergesangs, der das Album "Out Of Season" von Portishead-Sängerin Beth Gibbons mit dem Ex-Talk-Talk-Bassisten Rustin Man aus 2002 eröffnet und in betulichen deutschen Fernsehserien immer dann gerne als Soundtrack gespielt wird, wenn jemandem etwas furchtbar Tragisches widerfahren ist.

Auch der "Garden Song" von Phoebe Bridgers kündet anheimelnd von Unheil: Eines Tages, singt die 25-jährige US-Amerikanerin, werde sie ein Haus auf dem Hügel beziehen und im Garten über der dort vergrabenen Leiche des abgängig gemeldeten Nachbar-Skinheads Rosen züchten.

Rock-Attacken

Eigentlich schreibt und produziert Phoebe Bridgers ja Musik, die nur limitierte Sehnsucht nach zahlenkräftiger Gefolgschaft bekundet. Musik auch, die eher gelesen werden als sich attraktiv präsentieren will. Novizen werden sich wohl stärker durch Zeilen wie "I hate living by the hospital / The sirens go all night / I used to joke that if they woke you up / Somebody better be dying" in ihr neues Album "Punisher" ziehen lassen als von ihrem spröden Folk, der hin und wieder, ziemlich unvermittelt, zu opulenten Rock-Attacken und/oder orchestralem Bombast anschwillt.

Trotzdem findet die Songwriterin und Sängerin mit der leicht überreifen, momentweise fast lebensmüde anmutenden Stimme, deren erstes Album "Stranger In The Alps" die Kritiker ziemlich durch die Bank überzeugt hat, viele Verbündete: Ryan Adams hat - um den Preis, dass sie sich von ihm emotional missbraucht fühlte - ihrer Karriere auf die Sprünge geholfen. Sie hat mit Matt Berninger von The National zusammengearbeitet, während sie mit Indie-Folk-Star Conor Oberst das Better Oblivion Community Center und mit Lucy Dacus und Julien Baker eine All-Girl-Band betreibt, die bezeichnenderweise Boygenius heißt.

Stilistisch weichen alle diese Projekte gar nicht dramatisch von der Wegrichtung ab, die Bridgers als Solistin einschlägt, nur ist deren Ausstrahlung etwas anders, da sie die Gesangsparts teilt und daher nicht so eklatant den Eindruck vermittelt, der Hörer sei ihr abendfüllend ausgeliefert.

Trip mit Elvis

Man kann vieles in die Inhalte von "Punisher" hineininterpretieren: Es könnte darum gehen, wie die Wahrnehmung ständig verschwimmt, abgelenkt wird. Diese Unfähigkeit, einen Fokus zu finden, könnte wiederum - es wäre hier nicht das erste Mal - modernen Technologien angelastet werden. Ob das als kulturpessimistisches Statement zu verstehen wäre, darf in Frage gestellt werden. Eher scheint es sich um ein zwangloses Vermischen unterschiedlicher Lebensrealitäten, seien diese nun physischer oder virtueller Natur, traum- oder vielleicht auch drogeninduziert, zu handeln. Der eingangs zitierte "Garden Song", der sich übrigens nicht schlecht auf Van Morrisons bisher letzter LP "Three Chords & the Truth" gemacht hätte, beschreibt etwa das Sich-Losreißen vom Smartphone als einen Akt des Zu-sich-Kommens, der aber wiederum einem wiederkehrenden sexuellen Traum gleicht, der knapp vor dem Vollzug endet.

"Kyoto", das mit treibenden Drums und robustem Bass aufs Tempo drückt, zeigt die Protagonistin desillusioniert vom Tourleben in fernen Ländern. Zugleich beraubt die brüchige und offensichtlich unwahrhaftige telefonische Kommunikation ("die haben noch Münztelefone hier") mit vertrauten Menschen die Heimat jeglicher tröstlichen Option als Rückzugsraum. "Chinese Satellite", das sich nach verhaltenem Beginn über heftige Drums zu einem schillernden Stück Dynamik mit beschwörenden Backgroundstimmen, Geige und flirrenden Gitarren aufbaut, lässt mit einem gewissen Sarkasmus existenzielle Sinnsuche durchhören: Wenn sich schon keine Sterne am Himmel zeigen, sollte sich verdammt noch einmal doch wenigstens ein chinesischer Satellit blicken lassen.

Interessant sind auch die vielen Hinweise auf die Pop-Historie: In "Graceland Too", das einen weiteren eher trostlosen Trip beschreibt, taucht nicht nur Elvis auf, sondern auch der "rebel without a clue" aus Tom Pettys "Into The Great Wide Open". Über John Lennon wird gestritten, über Eric Clapton gesagt: "Wir hassen ,Tears in Heaven‘, aber es ist traurig, dass er sein Baby verloren hat."