Konzertmitschnitte gelten unter Die-hard-Fans zwar aus Dokumentationsgründen als grundsätzlich interessant. Und sie erreichen Teile der für einen Besuch in der städtischen Mehrzweckhalle oder im Fußballstadion in der urbanen Peripherie zu sparsam oder zu behäbig konstituierten "Laufkundschaft" mitunter als bequeme Billigvariante für das Patschenkino, das man auch im Pyjama oder in der Unterhose, jedenfalls Hauptsache nicht zurechtgemacht aufsuchen kann. Im Wesentlichen fristet die Aufzeichnung auf Ton- und/oder Bildträger aber doch eher ein Nischendasein, das darauf beruht, dass man seine Leidenschaft lieber einen Abend lang gemeinsam mit Gleichgesinnten auslebt, um dem Freundeskreis und der Verwandtschaft noch Jahre später mit Erzählungen darüber gewaltig auf die Nerven zu gehen. "Wisst ihr noch, damals, als . . ." - "JA!!!"

Zweifelsohne hat es zwar seine Vorteile, nicht in Warteschlangen vor dem Einlass, dem Merch-Stand, der Ausschank und dem WC (der Kreislauf des Lebens!) einen für gutes Geld schlechten Stehplatz riskieren zu müssen. Nach dreieinhalb Monaten Corona-Krise würde man es langsam aber sogar wieder in Kauf nehmen, im Juchhe unter dem Wellblech bei überteuerten Industriegetränken aus Plastikbechern akustischen Analogkäse auf die Ohren zu bekommen, um endlich wieder dieses hibbelig-kribbelige Gefühl zu verspüren, das kein Balkonkonzert und kein Händewaschsong aus der Popstarkuchl jemals ersetzen könnte. Ist so.

Die britische Band Depeche Mode - "Enjoy The Silence", von wegen! - rennt mit ihrer neuesten Live-DVD also offene Türen ein. Wobei man auf "Spirits In The Forest" (Sony Music) unter Regie von Anton Corbijn nicht nur die Abschlusskonzerte der "Global Spirit Tour" vom 23. und 25. Juli 2018 in der Berliner Waldbühne als Mitschnitt bekommt, der einen heftig pirouettendrehenden Sänger Dave Gahan gebenedeit peinvoll beim Grimassenschneiden und Hauptsongschreiber Martin Gore gachblond-überwuzelt an der Gitarre dabei zeigt, wie sie es mit Andrew Fletcher (er geht in die Knie - und klatscht in die Hände) sowie ihren Tourmusikern Peter Gordeno an den Tasten und dem österreichischen Schlagzeuger Christian Eigner auf großer Best-of-Fahrt noch einmal wissen wollen.

Andächtig

Für einen eigenständigen Konzertfilm auf den Spuren von D.A. Pennebakers Dokumentation "101" über einen Auftritt der Band 1988 in Pasadena hat der Haus- und Hofregisseur des Trios auch sechs Fans im Lichte der Outcast- und Schicksalsgeschichte porträtiert und sie beim Konzertgang begleitet. Es geht getreu den katholisch grundierten Texten Martin L. Gores über Versuchung, Sünde und Ablass also auch um ein Glaubensbekenntnis, das auf Admiration, Devotion und Konfirmation setzt, selbst wenn dafür Absolution nötig sein sollte. Oh! Mein! Gott! Gerade macht Dave Gahan den Ententanz!

Nachdem das Konzert ausgehend von hübsch repolitisierten rezenteren Songs mit wehender roter Fahne wie "Where’s The Revolution" und "Going Backwards" langsam in Richtung der Greatest Hits um alte Gänsehautklassiker wie "Walking In My Shoes" hochgeköchelt ist, erlebt man Depeche Mode mit der David-Bowie-Hommage "Heroes" in der Mauerstadt aber auch aus persönlichen Gründen andächtig wie selten. Fans haben geweint, man selbst wurde nostalgisch. Corona kann jetzt dann bitte nach Hause gehen.