Stille und kaum Menschen in Sicht: Ein ungewöhnliches Bild für die Donauinsel an einem späten Sommernachmittag. Doch in diesem Sommer ist alles anders, auch auf der "Insel" und bei ihren Konzert-Events. Das Donauinselfest ist vorerst der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen, stattdessen hat nun ein Standort des Wiener "Kultursommers" hier Quartier bezogen. Wo sich normalerweise die Menschen tummeln und miteinander nolens volens gruppenkuscheln, sind jetzt mit weißer Farbe kleine Rechtecke auf den Rasen gemalt, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten.

Schon vor dem Betreten des Konzertgeländes fallen großflächige Absperrungen rund um die Bühne auf: Vor Corona gab es dies bei Gratis-Open-Airs kaum, unter den gegebenen Umständen sind sie jedoch durchaus verständlich. Das Ticket, das man nach der Online-Anmeldung per E-Mail erhalten hat, muss am Eingang vorgezeigt werden, danach kann man sich auf der Wiese einen Platz aussuchen. Entweder vorne mit Liegestuhl oder hinten direkt auf der Wiese. Egal ob vorne oder hinten, ein Wechsel des eigenen Sitzplatzes ist verboten. Allein für einen Toilettenbesuch oder einen Gang zum Snack-Stand darf er verlassen werden.

Auf Sicherheitsabstand wird hier sowohl beim Einlass als auch auf der Konzertwiese äußerst genau geachtet. Erstaunlich bequem sind die Liegestühle, die in den ersten sechs Reihen aufgestellt sind. Zwischen den Stühlen befindet sich außerdem ein kleiner Abstelltisch. In der Sonne liegend, mit einem leckeren Getränk auf dem Tisch und der Sommersonne über dem Kopf, stellt sich Urlaubs-Feeling ein.

Singende Säge

Jetzt geht’s los: Eine junge Dame, Yasmo von Yasmo & die Klangkantine, erinnert zur Begrüßung gut gelaunt an die Corona-Sicherheitsvorkehrungen am Platz. Warum man denn nicht immer eine Maske auf den Dixi-Klos trägt, das hätte auch ohne Corona so einige Vorteile, meint sie lachend.

Kurz darauf betreten auch schon die ersten Musiker die Bühne: Trio Lepschi singt mit viel Wortwitz und im Dialekt über alltägliches Wiener Leben, der Wiener Schmäh dringt aus jedem Song. Heiter tratschen Stefan, Michael und Martin mit dem Publikum, stellen ihm Scherzfragen und belohnen richtige Antworten mit Gratis-CDs. Das lockere Gefühl zieht sich durchs ganze Konzert. Die Songs werden neben zwei Gitarren von einem außergewöhnlichen Instrument begleitet: einer singenden Säge, die von Stefan Slupetzky mit einem Streicherbogen gespielt wird und den Liedern einen außerirdischen Sound verleiht.

Mit Songs über Orchideen und Oleander geht’s weiter. So singen die drei Männer, dass "es nur Nerven kost, wenn ma si von Zimmerpflanzen pflanzen losst". Über einen Western-Song und ein sozialkritisches Lied über Social-Media-Plattformen geht es zum letzten Stück über Gurkerlsalat. Nach einer französischen Zugabe heißt es dann auch schon "Au revoir"!

Emotionaler Soul

Bei einem Blick über die überschaubare Menge am Pausenbeginn ist die Erschöpfung vielen Zuschauern ins Gesicht geschrieben. Nicht verwunderlich, denn die Sonne brannte in der letzten Stunde mit voller Wucht auf die Wiesenfläche herab. Nach 45 Minuten weiteren Sonnenbadens folgt die Künstlerin "Lylit". Die Sängerin und Komponistin der gleichnamigen Band fängt mit kräftiger Stimme an, auf Englisch über ihre Ängste und den Kampf ihrer Vorjahre zu singen. Denn die Österreicherin arbeitete jahrelang in der amerikanischen Musikbranche und lernte dort die Tücken des Geschäfts kennen: Drei Jahre durfte sie keine Musik veröffentlichen, schaffte den Befreiungsakt jedoch mithilfe eines Anwalts, wie sie emotional auf der Bühne erzählt. Gefühlsstark auch die Lieder der 35-Jährigen, begleitet von Keyboard, Gitarre und Schlagzeug. Die kraftvolle Stimme der Sängerin führt entschlossen, aber auch sanft durch die wohltönende Soul-Musik.

Wenn man den Künstlern die Bühne wegnimmt, meint Lylit, nimmt man ihnen gleichzeitig das Leben weg. Ein Satz, der im Kopf bleibt – und diesen Konzerten auf der Donauinsel eine existenzielle Bedeutung verleiht. Trotz all der Sicherheitsvorkehrungen, den Verboten und Geboten hat sich dieser Tag ein klein wenig wie jene Normalität angefühlt, die unentbehrlich ist für die Kulturliebhaber und Künstler.