Irgendwann nach dem Album "Computers And Blues" von 2011 hatte Mike Skinner sein Projekt The Streets für beendet erklärt. Das erregte damals eigentlich kein besonderes Aufsehen, wäre aber das Ende eines Abschnitts britischer Musikgeschichte gewesen. Denn um die Millenniumswende hatten The Streets einen neuzeitlichen britischen Hip-Hop definiert, der auf die elektronischen Underground-Dance-Stile zurückgriff, die sich in den 90er Jahren aus Jungle und UK Garage entwickelt hatten. Mit Hip-Hop, R&B und bisweilen Ragga gekreuzt, nannte sich das dann Grime, sprich Schmutz. Dazu passte Skinners Künstler-Alias The Streets und nicht zuletzt sein outrierter Cockney-Akzent, der signalisierte, dass sein Zielpublikum jedenfalls nicht in Yuppie-Designer-Wohnungen zu finden war.

Solcher ostentativer Raubeinigkeit zum Trotz schuf Skinner mit The Streets große Kunst - und er dürfte sogar nach Arrested Development und Digable Planets und neben Kanye West einer der letzten jener Acts sein, die ein genrefremdes Publikum überzeugt haben, dass Hip-Hop "richtig gute Musik" sein kann. Das Album "A Grand Don’t Come For Free" (2004) war nicht weniger als ein Rap-"Sergeant Pepper" - ein aufwendig und bisweilen bombastisch inszeniertes Konzeptwerk, das eine vertrackte Geschichte von unauffindbaren 1000 Pfund, einem kaputten Fernseher und einer untreuen Freundin erzählt. Eine Novelle in Rap, gewissermaßen.

Freilich war es für Skinner danach schwer, diesem Opus Magnum mit den drei folgenden LPs das Wasser zu reichen. Sein Rückzug wirkte denn auch ein wenig wie ein Zeichen von Resignation. Natürlich ist er danach nicht untätig geblieben und verdingte sich als Filmkomponist und Schauspieler. Nun ist er wieder mit The Streets zurück - und wie!

Entsprechend erlesen ist auch die Liste der Gäste, die Beiträge zu den 12 Tracks des offiziell als "Mixtape" firmierenden Werks beisteuern. Sie reicht von Superstar Kevin Parker (Tame Impala) über die Post-Punk-Band Idles, die Rapper Oscar #Worldpeace oder Jimothy Lacoste und bis hin zu Skinners langjährigem Weggefährten Rob Harvey. Schön ist, dass die insgesamt 13 mehr oder weniger namhaften Helferlein die Platte keineswegs verwässern, sondern - wie es eigentlich Sinn von Gastauftritten ist - bereichern.

Dramaturgisch schlüssig eingesetzt, ergänzen die Gaststimmen in vielfältigen, gut temperierten Arrangements zwischen Grime, etwas Drum & Bass, R&B und Klavier-Introspektive Skinners nicht unbedingt besonders aggressiven, aber zupackenden, gerne Richtung Gesang tendierenden Rap beim Erzählen von Geschichten über menschliche Verhaltensweisen und die Umstände, die sie bedingen bzw. begleiten. Technologie hat darin immer eine gewichtige Rolle gespielt - so ruft der frühe Streets-Hit "Let’s Push Things Forward" von 2002 eine heute bereits prähistorisch anmutende Welt wach, in der noch AltaVista die größte Suchmaschine war.

Ins Paradoxe

Auf "None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive" ist das Smartphone als Fetisch, den man manchmal verflucht und ohne den man trotzdem nicht kann, allgegenwärtig. Der Opener, verziert durch das sonore Säuseln Kevin Parkers und ein hübsches Piano, heißt denn auch "Call My Phone Thinking I’m Doing Nothing Better". Er würde eher noch seine Niere hergeben als sein Ladegerät, sagt der Protagonist. "If you think I’m ignoring you, I am", singt (!) Skinner in "Phone Is Always In My Hand", das von einem minimalistischen Keyboard-Loop getragen ist und den Grime-Künstler Dapz On The Map zu Gast hat. Der Brexit findet natürlich auch Erwähnung - indirekt auch in den Szenarien von Isolation und fragmentierten Beziehungen, die Skinner mit dem ihm eigenen Sarkasmus kommentiert.

Mike Skinner ist im wahrsten Sinn ein meisterhafter Wortverdreher. Kaum eine Aussage, die er nicht mit einem kleinen Twist ins Paradoxe zu wirbeln wüsste. Siehe nur den LP-Titel: Man kann dieses Leben nicht lebend verlassen. Oder Zeilen wie "I don’t party hardly / but when I do, yes, I party hard." Beizeiten tut es aber auch der pure, gallige Witz: "She talks about her ex so much, even I miss him."