So richtig rechnen konnte man mit diesem Album nicht mehr. Immerhin folgte auf zwei erste Solowerke des ehemaligen Pulp-Vorstandes Jarvis Cocker aus den Jahren 2006 ("Jarvis") und 2009 ("Further Complications") lange Zeit: nichts. Erst 2017 schließlich konnte man den 1963 in Sheffield geborenen Sänger und Songwriter im Rahmen der Themenarbeit "Room 29" dabei erleben, wie er die Geschichte des prestigeträchtigen Chateau-Marmont-Hotels in Los Angeles zwar mit der ihm eigenen Neigung zur ironischen Spitze besang. Allerdings geschah dies gemeinsam mit Tausendsassa Chilly Gonzales im Zeichen der introspektiven Klavierballade für das Label Deutsche Grammophon auf grundsätzlich fremdem Boden.

Davor und dazwischen schien es, als sei der vormals leidenschaftliche Popstar aus Indiehausen und große Sarkast hinter mindestens genialen Texten über soziale Ungleichheit ("Common People"), den gewissen Porno-Moment ("This Is Hardcore") und den Kater nach der exzessiven Britpop-Party mit seiner Band Pulp ("The Fear") nicht nur der Popkultur etwas müde geworden.

Eine Art Alterswerk

Nach der erfolgreichen Scheidung und einer Beschäftigung als Split-up-Dad wird man von der Rückkehr des heute 56-Jährigen also gleich in mehrerlei Hinsicht überrascht. Immerhin bekommt man von Jarvis Cocker auf dem nun mit dem Titel "Beyond The Pale" (Rough Trade) erscheinenden Debütalbum seines sechsköpfigen Projektes Jarv Is zwischen popkultureller Referenzarbeit und grundsätzlicher Beibehaltung der (Selbst-)Ironie erstmals seit einer gefühlten und tatsächlichen Ewigkeit wieder richtig gute Musik geboten.

Außerdem scheint der Mann zumindest zwischendurch ganz ohne Augenzwinkern heute auch darum bemüht, mit den sieben neuen Songs eine Art Alterswerk einzuläuten. Die erste Zeile des Eröffnungsstücks "Save The Whale" dürfte jedenfalls nicht von ungefähr "Take your foot off the gas / Cause it’s all downhill from here" heißen. Dazu klingt es im Vortrag mit tiefer Erzählstimme wie auch musikalisch verdächtig nach Leonard Cohen im Allgemeinen und dessen Song "Waiting For The Miracle" von 1992 im Speziellen.

Bevor man das eine oder andere Selbstporträt des Sängers als alternder Mann gereicht bekommt, beschäftigt sich das schamanistisch groovende "Must I Evolve?" bei in jedem Lebenslauf unverzichtbaren Fragestellungen wie "Must I grow up? Must I grow old?" und der umgehenden Beantwortung durch einen Frauenchor ("Yes! Yes! Yes! Yes!") allerdings nicht autobiografisch mit dem Selbst. Nein. Hier geht es allgemeingültiger um das im Popsong nach wie vor sträflich unterschätzte Thema der Evolutionstheorie. "One dark night there was a Big Bang / Maybe a Small Bang / Actually: more of a pop / But, whatever it was, something went off / That was the first time / We started as pond slime / But now we are growing / With none of us knowing / Where we are going . . ."

Kokain und Rückenschmerzen

Das eklektische "Am I Missing Something?" reflektiert das Vergehen der Zeit aus dem Blickwinkel des nicht mehr ganz jungen Autorenvaters in der Krise: "The arrow knows nothing of its target / Tomorrow can take care of itself / Your children are here to tell you / Do something new / Or do something else." "House Music All Night Long" ist getanzte Architekturkritik, kritische Genre-Hommage und Quarantäne-Song in einem. Und "Sometimes I Am Pharao", beinahe Stalker-haft aus der Perspektive von Straßenpantomimen erzählt, liefert mit dramaturgischem Witz eine raffinierte Darstellung seiner Text-Ton-Beziehung. Ähnliches gelingt auch im afrikanisch grundierten "Children Of The Echo", bei dem Jarvis Cocker den Schalk im Nacken noch gegen die gute alte Abgebrühtheit austauschen wird. Erfahrung gibt Sicherheit, stumpft aber auch ab: "Sooner or later everything will remind you of something else."

Apropos Erinnertwerden: Als Echo der "This Is Hardcore"-Ära von 1998 sowie als Ausreißer - und Songhighlight - erweist sich gegen Ende der 40 Spielminuten der zart pulsierende Autoren- und Songwriter-Trip-Hop von "Swanky Modes". In diesen interveniert, von Begräbnisstreichern begleitet, einerseits zwar der Tod. Andererseits gelingt Jarvis Cocker dabei auch die Betrachtung seines Umfelds, das vom Leben gezeichnet scheint: "Some still scoring cocaine / Some laid up with back pain." Der Lauf der Dinge im Unterhaltungsgeschäft.