Die Corona-Pandemie bringt nicht nur im Alltag Einschränkungen mit sich. Gerade auch in der Urlaubszeit stößt die Reisefreude und -freiheit aktuell wieder an Grenzen. Die Popmusik hat mit Hymnen auf die Realgeografie und Songs über Sehnsuchtsorte zahlreiche Lieder hervorgebracht, die zu singen aktuell masochistisch wäre. Zum Glück kann man aber auch anderweitig und zum Beispiel gedanklich verreisen. Neben Literatur, Malerei oder Film lädt nicht zuletzt der Song dazu ein.

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Red Hot Chili Peppers: Aeroplane (1995)

Im begleitenden Musikvideo mit dem Dresscode "Oben ohne" haben die Red Hot Chili Peppers im Wesentlichen zwar schon ihr Urlaubsoutfit an. Nach dem Start des kommerziellen Höhenflugs aber bleibt die Band zumindest reisetechnisch noch auf dem Boden. Wer braucht schon einen teuren Privatjet, wenn er auch mit den Mitteln der Musik selbst abheben kann?

Der Song "Aeroplane" handelt mit dunklem Unterton im Text auch von Risikobiografien im Zeichen des Drogenabusus (erinnern wir uns an dieser Stelle stellvertretend für zahllose Erfahrungsreisen im Zeichen des buchstäblichen Drogentrips auch an das popkulturell breitenwirksame Erweckungsereignis aus der Ära der Beatles, Stichwort "Lucy In The Sky With Diamonds"), verbreitet mit seinem auf die kalifornische Sonne verweisenden Funkrock-Groove letztlich aber sommerliche Unbeschwertheit - und ein Gefühl, das themenadäquat erhebend, also "uplifting", ausfällt. "I like pleasure spiked with pain / Music is my aeroplane." Ganz ohne Düsenantrieb dem Himmel zu!

Jamiroquai: Travelling Without Moving (1996)

Die britische Funk- und Acid-Jazz Band Jamiroquai gibt zu einem sportiven Beat ein unwiderstehliches Motto für eine als Album gereichte Themenarbeit vor, die zumindest auf dem Papier diverse metaphorische Reisemöglichkeiten bereitstellt: "Mind travelling", Gedankenreisen über kognitive Landkarten, das Wunderland der Imagination ... Aber nein, natürlich bekommt man hier eine Mogelpackung angedreht, die auf die Motorbesessenheit von Sänger und Bandchef Jay Kay und seinen privaten Sportwagenfuhrpark zurückgeht. Brumm!

Außerdem wird man dabei an Gerhard Bronners auch nicht im klassischen Sinn reisefreudigen "Halbwilden" erinnert: "I hob zwoar ka Ahnung, wo i hinfoahr / Aber dafür bin i gschwinder duat!" Der Bezeichnung "Motorsport" zum Trotz muss man sich selbst ja auch wirklich nicht besonders weit bewegen, um etwa eine 100-Kilometer-Spritztour in Rekordzeit zurückzulegen. Der Song beginnt entsprechend mit einem erheblich PS-stärkeren Remix des Getriebestarts von Kraftwerks "Autobahn" und erinnert uns heute daran, dass der Benziner natürlich längst out ist. "Drive too fast / I might be last." K.o. Ok. Jay Kay.

André Heller: Die wahren Abenteuer sind im Kopf (1976)

"Ich wär ein schlechter Kapitän, die Meridiane sind mein Handwerk nicht. Und trommelte auch der Regen in den Tropen Neuguineas die Mangoblätter wund, es heißt, am Ende aller Reisen weiß man doch wiederum die Erde rund." Die Macht der Vorstellungskraft war gerade in den Wochen des coronabedingten Lockdowns und der Heimisolation gefragt. Nicht von ungefähr wurzelt mit der sogenannten "Zimmerreise" ein ganzes literarisches Genre im 42-tägigen Zwangsarrest seines Begründers Xavier de Maistre aufgrund eines unerlaubten Duells. Was könnte uns auch erfolgreicher weg von den kalten Fakten des Lebens bringen als der Zaubergarten der Fantasie?

Apropos: Nicht zuletzt weiß auch André Heller um die Wunderkammer der Einbildung Bescheid, mit der sich "die Wirklichkeit" sogar "im Forellenkleid" betrachten lässt. Wir hören beschwingt-tänzelnden Chansonpop mit Streicherarrangement und "ethnischen" Beigaben als musikalisches Kopfkino: "Die wahren Abenteuer sind im Kopf, und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo."

Depeche Mode: World In My Eyes (1990)

"Let me take you on a trip / Around the world and back / And you won’t have to move, you just sit still." Bereits Martin L. Gores von Dave Gahan in dominantem Bassbariton gesungene Anfangszeilen eröffnen, dass es auch für diese Reise kein Verkehrsmittel braucht. Verkehr aber schon: "Now let your mind do the walking / And let my body do the talking / Let me show you the world in my eyes."

Lippen an Lippen werden Gipfel erklommen und Höhlen erforscht. "I’ll take you to the highest mountain / To the depths of the deepest sea / And we won’t need a map, believe me." Sehnsucht und Leidenschaft als Antriebsmotor, Liebe und Sex als Point of no Return und Endstation Sehnsucht. Amouröse "Wanderlust" wurde nur in wenigen Popsongs pointierter beschrieben.

John Denver: Take Me Home, Country Roads (1971)

"Do bin I her, do gher I hin" - und "Foahr net fort, bleib im Ort": Der Heimatbegriff mag im Country-Genre einerseits ein durch und durch konservativer sein. Andererseits sorgt er in Zeiten des Klimawandels für minimalsten CO2-Ausstoß und einen beinahe grün-alternativen Umgang mit Ressourcen.

Gut, manchmal geht es um traurige Trucker mit Whiskey-Gusto und ihre Sattelschlepper, die den Dieseldurst stillen. Wenn hier gereist wird, dann aber grundsätzlich nicht rastlos und in die Ferne, sondern sehnsuchtsvoll und zurück nach Hause, wo die "Mountain mama" schon wartet. Dies ist kein "Heimweg To Hell", dies ist der Wunsch, endlich (wieder) anzukommen. John Denvers Text zum Evergreen und Millionenseller "Take Me Home, Country Roads" kennen wir alle.

Talking Heads: Road To Nowhere (1985)

Pop hat Songs über Zeitreisen hervorgebracht und ist als ewige Wiederkehr von Moden und Trends im Retrodesign sowie auch als Trägermedium der (persönlichen und kollektiven) Erinnerung längst selbst zur Zeitmaschine geworden.

Orbitreisen gab es im Space Rock als vertonte Science-Fiction und als Vorwegnahme des Social Distancing, etwa durch den isoliert um die Erde kreisenden Major Tom in David Bowies "Space Oddity". Weil letzten Endes ohnehin alles dem Untergang geweiht ist, wurde und wird gerne aber auch über die Reise ins Nichts gesungen. Das muss nicht trostlos klingen. David Byrne etwa meinte über seinen für die Talking Heads geschriebenen Klassiker "Road To Nowhere" von 1985: "Ich wollte einen Song schreiben, der einen gleichgültigen und sogar freudigen Blick auf den Untergang zeigt." Mission geglückt. Und wie!

Leonard Cohen: Traveling Light (2016)

"I’m traveling light, it’s au revoir / My once so bright, my fallen star / I’m running late, they’ll close the bar / I used to play one mean guitar." Leonard Cohen mochte kurz vor seinem Tod tatsächlich ein Beziehungsende vertont haben, es ist aber trotzdem unmöglich, einen Song wie "Traveling Light" nicht als Abschiedsgruß an die Hörerschaft auf Erden zu verstehen. Immerhin hat sich auch Johnny Cash bereits mit der Lebensgeschichte des "Wayfaring Stranger" auf seinem vorletzten Album sowie vor allem mit dem letzten Song seines letzten Albums empfohlen, der nicht von ungefähr "We’ll Meet Again" hieß.

Bob Dylan wiederum, reiseerprobt durch seine derzeit unterbrochene "Never Ending Tour" oder die Arbeit mit den Traveling Wilburys, hat mit "Key West (Philosopher Pirate)" gerade einen musikalischen Roadtrip in die Unsterblichkeit vorgelegt: "Key West is the place to be / If you’re looking for immortality." Wie aber auch bei David Bowie als "Blackstar" wird die eigene Sterblichkeit jedenfalls zunehmend zur Songgrundlage, die uns die Augen nass macht. Die Popindustrie altert. Und mit ihr unsere Heldinnen und Helden - wie wir selbst. Für die letzte Reise braucht niemand ein Ticket. Der Pompfüniberer wartet schon.