Mit Kirchenglocken und Taubengurren eröffnete das Wiener Popfest dieses Jahr im Radio, in ausgewählten Kinos in ganz Österreich und für einige wenige auch direkt in der Wiener Karlskirche. Nur 200 von 4753 Musikbegeisterte konnten per Auslosung Gratistickets für das Konzert in den Kirchenräumlichkeiten gewinnen. Für die meisten, aber ging das Konzert vor dem Radio oder Computerbildschirm los – virtuell. FM4 hat den ungewöhnlichen Auftakt des Festivals live übertragen. Samstags bespielten Voodoo Jürgens und Hirsch Fisch die Barockkirche, sonntags Soap & Skin und Marie Spaemann. 

Noch vor dem Auftakt in der Kirche werden Popfest-Aufnahmen der letzten Jahre eingespielt. Mitschnitte wie Clara Luzia mit ihrem Song "Queen of the Wolves" im Jahr 2010 und der Song "Das Wetter" von Ebow in 2019 bilden den thematischen Startschuss der Show.

Ungewöhnlich ruhig ging es dieses Jahr im Radio zu. Die Zuschauer in der Kirche klatschen zwar brav und begeistert, ihre geringe Anzahl hinterlässt aber das Gefühl eines kleinen Konzerts, nicht das des altbekannten Festivals, auf welchem sich normalerweise die Menschenmassen tummeln.

Die neue Normalität


Nach dem Song "Haltet Abstand", der als Erinnerung für die anwesenden Zuschauer in der Karlskirche dient, erklingt im Radio ein kurzes Interview mit dem Künstlerduo "Hirsch Fisch", das in Kürze auftritt. Sie äußerten sich zur "rückkehrenden Normalität" folgendermaßen: "Normal ist das für mich nicht. Normal wär für mich, dass man sich dem Planeten gegenüber als auch den Mitmenschen (gegenüber) respektvoll verhält". Trotzdem sei das Duo froh, wieder auftreten zu können. Kurz darauf sind die Live-Aufnahmen aus dem Inneren der Karlskirche zu hören. Eine Ukulele sorgt für die entspannte Folklore-Stimmung von  "Hirsch Fisch".  Die beiden Steirer begeistern mit ihrer Gelassenheit und ihrem Dialekt.

Nach einer längeren Pause kommt dann Vodoo Jürgens auf die Bühne. Seine authentische Austropop Musik fällt durch schwarzen Humor auf, der sich durch all seine Texte zieht. Im Wiener Dialekt singt er kritisch über Antihelden, "Scheidungsleichen" und Co. Auch sein Hit "Heite grob ma Tote aus" darf natürlich nicht fehlen. Zuvor hat der gebürtige Tullner schon einmal in einer Kirche gespielt, das war allerdings in einer Gefängniskapelle. Er weist dabei auf die Atmosphäre in der Karlskirche hin, die sich doch stark von jener entscheidet, in welcher er Insassen besang. "Heute ist es ja ein bissl anders, das ist ja jetzt schon so eine normale traditionelle Kirche", meint er.

Beisl-Charakter


Die stillen Pausen, Schlagzeugschläge und das Klatschen fallen auf und geben dem Konzert einen anderen Charakter, als es die eingespielte Konzertausschnitte haben. In Voodoo Jürgens Liedern findet man viel Gesellschaftskritik, die zum Nachdenken anregt. Die Musik hat dabei durchaus "Beisl"-Charakter: dunkel, gelassen und morbid. Mit einer Zugabe endet sein fast eineinhalb-stündiges Konzert dann auch schon, mit einem Lied, das für den Musiker zugleich Anfang und Ende seines alten Lebens war: Mit den Worten "Vo durt bin i her, vo durt bin i davogrennt", verabschiedet sich der Künstler sowohl von seinem Heimatort Tulln als auch dem Popfestival.

Als gut gelungene Alternative endet das Popfest-Wochenende, es kann das Original-Festival, aber einfach nicht ersetzen. Das muss es auch nicht, trotzdem sehnt man sich am Ende des Radiokonzerts danach wieder an einem richtigen Konzert teilzunehmen. Denn das Gefühl vor Ort Musik zu hören, Augenkontakt mit dem Musiker oder Sitznachbar zu haben und die Stimmung einzufangen, geht Musikliebhabern und regelmäßigen Konzertbesuchern weiterhin ab. Wer sich selbst ein (Hör-)Bild davon machen will, kann die Popfest-Konzerte über den FM4-Online-Player noch eine Woche lang unter https://fm4.orf.at/player/ nachhören.