Cottagecore ist der neue heiße Scheiß. Also, heiß ist da nicht ganz das richtige Wort. Mehr so mollig warm. Cottagecore, auf Deutsch in etwa "Konzentration auf die Landhütte", ist ein Stil, der sich schon länger auf Bilderteilplattformen und Sozialen Medien angekündigt hat und durch den weltweiten Corona-Lockdown noch an Popularität zugenommen hat. Man lässt sich bevorzugt in weißen, an Nachthemden gemahnenden Kleidern im Kornfeld fotografieren und bäckt sein Brot selber. Dazu passt eigengetöpferte Keramik, aus der man selbstgepflückten Melissentee trinkt, händisch bestickte Jutetaschen, Strickware Marke Eigenbau und nachlässig geflochtenes Haar, geschlechtsunabhängig. Es ist eine Art Boho-Biedermeier, eine Flucht in zusammenimaginierte Natürlichkeit, die eventuell ein bisschen Schutz bieten kann in unserer Zeit. Wer sich ein wenig mehr mit Trends dieser Art beschäftigt, erfährt dann noch, dass sich Cottagecore aus Vorläufern wie Grandmacore (Leben wie die Großmutter) und Farmcore (die scheinbare Idylle des Bauernlebens) speist und dass auch die rundlichen Trollwesen Mumins etwas zur Entstehung beizutragen hatten, aber das führt jetzt wahrscheinlich zu weit. Denn Mumins findet man gar nicht auf Taylor Swifts neuem Album "Folklore". Leider.

Ätherisch Posieren in Ähren

Die einstige Countrymusik-Kronprinzessin, eine der aktuell erfolgreichsten Musikerinnen der USA, hat die Selbstisolation genützt, um neue Musik zu machen. Wie übrigens auch die andere Säulenheilige des Gegenwartpops, Beyoncé, die am Freitag ihr neues "Visual Album" herausbringt. Swift bedient sich bei der Bebilderung ihrer Musik der Cottagecore-Ästhetik, und das passt zu den Liedern, die allesamt gut zum ätherischen Posieren in wehenden Ähren passen. Ja, auch Mundharmonika wird gespielt auf "Folklore". Auch wenn die Annahme sich aufdrängt: Eine Rückkehr zum Country ist das nicht. Eher eine Hinwendung zum Indie-Genre - damit schmücken sich Megastars von Madonna abwärts ohnehin gern.

Inhaltlich haben die Songs ebenfalls etwas Eskapistisches an sich: Sie sind zwar nachdenklich, aber nicht auf eine vorwärtsgewandte Weise, sondern sie sprechen der Nostalgie zu. In "The Last Great American Dynasty" erzählt sie (zum wiederholten Mal) von der Vorbesitzerin ihres Hauses, der partyfreudigen Philanthropin Rebekah Harkness. Drei Lieder ergeben das "Teenage Love Triangle", in dem jeder Part einer jugendlichen Dreiecksaffäre zu Wort kommt. Überhaupt wirkt das gleichtönende, aber nicht langweilige Album wie ein Abend am Lagerfeuer im Zopfpulli in Naturtönen, gerade zu dem Zeitpunkt, an dem alle ein bisschen melancholisch werden, weil die Teenagerzeit auch schon wieder so lang her ist, wie man damals alt war. Unter Quarantäne-Bedingungen hat Swift das Album produziert: Elf der 16 Songs entstanden mit Aaron Dessner, Mitglied der US-Rockband The National. Auch mit Produzent Jack Antonoff hat Swift wieder zusammengearbeitet, er ist auch schon für Lorde und Lana Del Rey tätig gewesen - was man "Folklore" mitunter anhört.

Swifts Talent als Texterin kann sich auf verschiedene Weisen entfalten: Das Album fingiert genüsslich eine Authentizität, die irgendwie Trost spendet. Und weil Swift eine gute Geschäftsfrau ist, ist das neue Werk auch aus anderem Grund bemerkenswert: Wie bald wieder Stadionkonzerte - der Lebensraum des Musiktopstars - möglich sein werden, ist fraglich. Vielleicht ein Grund dafür, dass sich diese Kammermusik gar nicht besonders für die große Halle eignet.