Für manche ist "König der Löwen" ein pfiffiger Disneyfilm, in dem ein tragischer Held mit schönen Haaren, einem formidabel fiesen Bösewicht und fröhlich furzenden Kompagnons ausgestattet ist. Diesen Fans käme nie in den Sinn, dass für andere "König der Löwen" ein Film ist, der afrikanische Motive ihren rechtmäßigen Eigentümern entrissen hat. Deshalb gab es im Vorjahr eine Neufassung, in der (fast) alle Figuren von Schwarzen gesprochen wurden. Eine davon war Popsängerin Beyoncé, sie schrieb gleich auch eine Begleitmusik. Die Songs dieses Albums "The Gift" hat sie nun - in einem gefinkelten Widerruf der sogenannten Cultural Appropriation - als eigenen Film verarbeitet.




Er soll mithilfe des narrativen und interpretativen Gerüsts von "König der Löwen" die Schönheit, die Kraft und die Verantwortung des Schwarzseins und afrikanischer Wurzeln feiern. "Black Is King" heißt dieses "Visual Album", zu sehen ist es auf der Streamingplattform Disney+.

Spielfilmlange Tableaux

Bereits seit einiger Zeit arbeitet Beyoncé daran, die Kunstform des Musikvideos auf ein immer höheres Level zu heben. Mit "Black Is King" hat sie sich da zumindest quantitativ selbst übertroffen, handelt es sich doch um ein spielfilmlanges Elaborat. Darin erzählt sie die Geschichte eines Burschen, der seinen Vater verloren hat und der zu seinem Königreich, aber vor allem zu sich zurückkehren muss. Wobei "erzählen" hier das falsche Wort ist - eine stringente Handlung darf man sich bei diesem intuitiven Film nicht erwarten. Es ist eher eine Aneinanderreihung von Bildkompositionen und Tableaux mit ausgefeiltem Tanz und verbindenden Brücken aus gesprochenem Wort. Das können vereinzelte Zitate aus "König der Löwen" sein, aber auch Poesie der somalisch-britischen Lyrikerin Warsan Shire und Wortspenden zum Alltag von Afroamerikanern.

Optisch macht sich Beyoncé vor allem die Macht der afrikanischen Landschaft zunutze, besonders wirkungsvoll im Kontrast zu den üppigen bunten Designerkleidern. Und Kleidern in Wildtierdruck. Und Rolls Royce im Wildtierdruck! In manchen Szenen fühlt man sich tatsächlich an den Eddie-Murphy-Film "Der Prinz aus Zamunda" erinnert - wenn er von Soziologiestudenten mit Mystik-Faible neu gedreht würde.

Es gibt eine Klammer, die den Bilder-Exzess zusammenhält, und sie arbeitet mit den beweihräuchernden Selbstinszenierungen, die Beyoncé so enervierend oft zelebriert: Ein Baby im Binsenkörbchen, das über Flusswellen treibt, wird zu Beginn des Films von Beyoncé in ihrer Inkarnation als Göttin in weißer Wallerobe an sich genommen, gegen Ende erfährt man, dass das Kind von Beyoncé in ihrer Inkarnation als Mutter als Rettungsversuch ausgesetzt wurde. Das lässt viel Interpretationsspielraum: Es kann sich genausogut um die Reise der Sklaven von Afrika nach Amerika handeln wie um den Weg von der Sklaverei in die Freiheit oder eine metaphysische Reise ins Bewusstsein der eigenen Geschichte.

Viel-von-allem-Kunst

Das ist dann auch, trotz der fabulösen Bilder, vereinzelter Selbstironie (wenn sie etwa mit Mann Jay-Z beim Champagner-TV-Dinner sitzt) und streckenweise mitreißender Musik (vor allem jener in Kollaboration mit afrikanischen Künstlern), das größte Problem, das man mit "Black Is King" haben kann. Wenn man in einen Eintopf alle erdenklichen Zutaten schmeißt, ist anzunehmen, dass jeder etwas findet - nur zu großer Kunst macht es das noch lange nicht. Eher zu hochwertigem Kitsch.

Deshalb ist "Black Is King" auch aus einem anderen Grund interessanter, für den man aber als unbedarfter Hörer praktisch ein Begleithandbuch braucht. Denn entgegen der prophylaktischen Kritik, dass sich Beyoncé nur der ewiggleichen "verkaufbaren" Stereotypen der afrikanischen Traditionen bediene, hat sie großen Aufwand betrieben, aktuelle afrikanische Musiker und Performer von Shatta Wale über Burna Boy, Jessie Reyez, Tierra Whack zu Yemi Alade und Busiswa nicht nur mit einzubeziehen, sondern auch in den Fokus zu rücken.




Und in wahrscheinlich jeder einzelnen Sequenz finden sich mehrere Zitate und Assoziationen zu afrikanischer Kultur - ob traditionell oder zeitgenössisch. Ein Bastmonster, das dem menschlichen Simba Angst einjagt, entstammt der Vorstellung des westafrikanischen Mende-Volks. Die kunstvollen Frisuren in der Hochzeitsszene orientieren sich an den Haarkreationen der Himba in Namibia. Einer der herausstechendsten Songs, "My Power", lehnt sich an das Electronic-Dance-Genre Gqom, das in den 2010ern in Durban entstand, an.



Der grün bemalte Mann (Afrobeats-Star Stephen Ojo), der als Leitmotiv durch den Film geistert, erinnert an eine Kunstaktion des Äthiopiers Jelili Atiku.



Die Ästhetik der ghanaisch-britischen Künstlerin Lynette Yiadom-Boakye ist unverkennbarer Einfluss. Die krassen Automobile huldigen dem Autokult Westafrikas. Und Moses im Binsenkörbchen? Die Fluchthelferin Harriet Tubman verwendete den Gospel "Go down Moses" als Erkennungscode für ihre "Klienten".

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus Fundstücken, die US-Medien bereits aufgelistet haben. Und die einen etwas betreten dastehen lassen ob der Fülle an Kulturschätzen, die reichlich unbemerkt auf diesem Kontinent warten. Diese Einsicht kann man Beyoncé und "Black is King" verdanken.