Jetzt neu mit Erzählstimme: Lana Del Rey und Alison Mosshart. - © Amy Sussman/AFP/Getty/picturedesk.com (l.) und Alison Mosshart & David James Swanson (r.).
Jetzt neu mit Erzählstimme: Lana Del Rey und Alison Mosshart. - © Amy Sussman/AFP/Getty/picturedesk.com (l.) und Alison Mosshart & David James Swanson (r.).

Liest man jemandem das Telefonbuch vor und zieht ihn damit trotzdem in seinen Bann, hat man wahrscheinlich eine Zuckerstimme mit auf den Weg bekommen. Der große kanadische Liedermacher Leonard Cohen hat das einst in seinem "Tower Of Song" skizziert: "I was born like this, I had no choice / I was born with the gift of a golden voice." Wenn, wie in diesem konkreten Fall, zusätzlich auch der Inhalt passt, sollte sich die Sache mit dem An-den-Lippen-Hängen relativ problemlos ergeben.

Leider aber sieht die Realität anders aus. Zwischen Thomas Bernhard lesenden Vollzeit-Ravern, relaxierenden Audiobotschaften mit Panflöten-Hintergrund und den gewisperten ASMR-Videos einer Maniküre-Influencerin auf YouTube findet sich meistens eine andere Beschäftigung, die wesentlich lohnender ist.

Die Lösung der Opioidkrise

Für die im Regelfall dann doch nicht ohne Musik auskommende Pop-Branche einigermaßen erstaunlich, sind innerhalb einer guten Woche nun gleich zwei Künstlerinnen auf die Idee gekommen, ihre neuesten Veröffentlichungen als Sprechstücke anzulegen. Lana Del Rey hat Teile ihres für Ende September terminisierten Gedichtbands "Violet Bent Backwards Over The Grass" (Simon & Schuster) als Audiobook vorgelegt, ihre als Sängerin im Fach des schludrigen Glamour-Rock-’n’-Roll mit dunkler Sonnenbrille bekannte Landsfrau Alison Mosshart (The Kills, The Dead Weather) ein experimentell angehauchtes Spoken-Word-Album namens "Sound Wheel" (Third Man Records).

Bevor von Lana Del Rey in knapp vier Wochen mit "Chemtrails Over The Country Club" ein zumindest interessant betiteltes reguläres neues (musikalisches) Album erscheinen soll - und nachdem die Tragödin aus dem Trailerpark auf "Norman Fucking Rockwell!" erst im Vorjahr mit tiefgründiger als zuvor ausgefallener Textarbeit von sich hören ließ -, changieren die 14 Texte von "Violet Bent Backwards Over The Grass" zwischen Tagebucheintrag, von Sylvia Plath zumindest beeinflusster Bekenntnislyrik und der oftmals wiederholten und nachdrücklich betonten Standortbestimmung als Poetin, die die heute 35-Jährige gut und gerne mit bisher bekannten Rollen(bildern) koppelt. Sagen wir so, das mondäne Leben des Jetset spielt ebenso eine Rolle wie schneller leidenschaftlicher Sex mit zweifelhaft beleumundeten Männern: "My life is my poetry, my love making is my legacy."

Man kann sich ausmalen, dass Lana Del Rey auch mit dieser Veröffentlichung nicht zur gefeierten Heldin in feministischen Kreisen wird. Immerhin bekundet sie als Desperate Housewife, jeden Morgen trotzdem und gerade deshalb wieder aufzustehen, um ihrem "Joe" Kaffee zuzubereiten, während in "Quiet Waiter - Blue Forever" schüchtern-verstohlen bis entrückt-abgewandt wie in einem Edward-Hopper-Gemälde im Schatten der Jalousie nach dem Kellner geschmachtet wird: "But who am I / Just a girl in love / Dreaming on paper / Rearranging the salt for the pepper / In love with you my quiet waiter."

Und auch bei Gedichten wie "The Land Of 1000 Fires" ist die Sehnsucht nach einem starken Mann groß ("My feet aren’t on the ground / I need your body to stand on / Your name to define me"), sofern sich dieser nicht politisch definiert und Donald Trump heißt. Zumindest diesbezüglich mittlerweile kritisch erwacht, sieht Lana Del Rey in "Paradise Is Very Fragile" den US-Präsidenten als Größenwahnsinnigen, um den herum die Welt in den Abgrund stürzt.

Zentraler für das Werk aber sind Texte wie jener zu "SportCruiser", mit dem Lana Del Rey Selbstzweifel und Unsicherheiten artikuliert. Dazu erinnert die Erzählstimme im freien Versmaß eher an den Anruf der besten Freundin, die sich am Telefon ausheulen will, während Produzent Jack Antonoff im Hintergrund wahlweise auf zartes Keyboardgeklimper oder etwas Sperrstundenjazz setzt. Über die Dauer von 39 Minuten kann man das Audiobook übrigens vor allem als Einschlafhilfe empfehlen. Tatsächlich könnte Lana Del Rey mit ihrem Stimme gewordenen Schlafzimmerblick auch das Telefonbuch vorlesen - und ganz Amerika mit dieser neuen Art der Substitutionstherapie von Opioidkrise und Valiumabusus befreien.

Alison Mosshart wiederum hat uns zuletzt mit ersten Songs
unter eigenem Namen auf die falsche Fährte geführt, wobei zumindest ihr Bruce-Springsteen-Cover "State Trooper" den anachronistischen roten Erzählfaden ihres Albums "Sound Wheel" vorwegnahm.

Die dunkle Seite der Nacht

Wie beim "Boss" höchstpersönlich geht es auch in ihren 47 (!) Sprechminiaturen zwischen Kassettenaufnahmen aus dem Archiv, rezenten Diktiergerätnotizen und musikalischen Kurzeinsprengseln im Stile der Kills mit dem Benziner hinaus in die weite amerikanische Weite, die sich aus aktuellem Anlass aber zumindest zwischendurch so sehr verengt, dass die Protagonistin doch noch in der Realität angelangt. Auf der dunklen Seite der Nacht führt ein gedanklicher und realer Roadtrip schließlich ins Epizentrum der "Women For Trump"-Bewegung. Ein desolater Anriss der US-Hymne erklingt.

Kette rauchend und mit Kaugummi im Mund fokussiert Mosshart im Kern aber eine Nachtfahrt der Rock-’n’-Roll-Klischees zwischen Alligatorenstiefel, Lederjacke und Ray-Ban-Brille, die die Pupillen verschleiern soll. Es geht um die Zeit, als das Land noch ein Versprechen und "Ökobilanz" nur ein Fremdwort war. Kindheitserinnerungen inkludieren Softdrinks auf Monstertruckreifen und Autohäuser mit Pin-up-Postern. Im Hintergrund erscheint Lana Del Rey mit Steckfrisur vor dem geistigen Auge, um ihren "Joe" nach Hause zu bringen. Der Kreis schließt sich. Über das Genre der Mechanikerromantik dann aber beim nächsten Mal mehr.