Was ein echter Wagnerianer ist, der will nichts hören von Antisemitismus. Was ein echter Michael-Jackson-Fan ist, der kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es manche merkwürdig finden, wenn man am liebsten mit jungen Buben im Bett schläft. Was ein echter Xavier-Naidoo-Fan ist, der glaubt auch, sein Held muss nur wieder einmal ordentlich ausschlafen, wenn der von Robo-Klonen in österreichischen Tunneln fabuliert. Das wird schon wieder.

Fans sind manchmal zu beneiden. Sie haben jemanden, zu dem sie aufschauen, auf den sie sich verlassen können, der ihnen Zufriedenheit liefert. Sie müssen sich nicht mit nerviger Beckmesserei aufhalten, müssen sich nicht von Kritik runterziehen lassen, denn als Fan können sie einfach - alles - gut finden! Für den Rest der Welt, das nörglerische Mieselsucht-Pack, nie erreichbarer Lebensqualitätsgewinn.

Aber Fans sind auch manchmal nicht zu beneiden. Denn Fans sind von Natur aus besorgte Menschen. Sie sorgen sich um Johnny Depp, weil er zu dünn aussieht. Sie sorgen sich um Adele, weil sie nicht mehr dick genug aussieht. Sie sorgen sich um Ariana Grande, weil sie auf der Bühne zu weinen beginnt. Sie sorgen sich um Madonna, weil sie ein Quarantäne-Tagebuch auf Instagram führt, das nicht immer von gedanklicher Kohärenz geprägt ist.

Manchmal hilft die Sorge nichts. Fans haben sich auch um Amy Winehouse gesorgt. Und um Marilyn Monroe. Ja sogar um F. Scott Fitzgerald. Aber keine Chance. Denn der Fan hat prinzipiell immer das Nachsehen, wenn es um die direkte Kommunikation mit dem Idol geht.

Moment. Ist das in Zeiten der Sozialen Medien immer noch so? Popstars und Schauspieler geben sich auf Instagram oder Twitter volksnah wie nie zuvor. Zeigen ihr Alltagsleben, ihre Lockdown-Schlabber-Outfits, ihre Familienausflüge. Man weiß jetzt sogar, dass Demi Moore ein Klo im Wohnzimmer stehen hat. Im Vergleich zum via p/o Box-Adresse aus der "Bravo" bestellten Autogramm mit gedruckter Unterschrift ist das schon eine krasse Abkürzung auf dem Weg zwischen Fan und Star. Auf der Abkürzung kann man aber schnell auch mal falsch abbiegen, denn diese Nähe ist trügerisch. Und kann verblüffende Phänomene hervorrufen. Wie derzeit die sogenannte #FreeBritney-Bewegung.

Unter diesem Stichwort sammeln sich Anhänger des einstigen Pop-Megastars, die der festen Meinung sind, dass Spears gegen ihren Willen gefangen gehalten wird. Diese Ansicht sehen sie untermauert durch Postings der Sängerin auf Instagram, in denen sie geheime Botschaften wittern. Und was das angeht, sind die Fans ausgesprochen akribisch. Denen fällt sogar auf, dass Spears auf Instagram exakt 116 anderen Accounts folgt. Und wenn man diese Zahl auf den Kopf stellt, dann ergibt das 911 - den (US-)Notruf, den man schleunigst anrufen soll, um Spears aus ihrer Knechtschaft zu retten.

Ein Foto, das sie gepostet hat, zeigt ein kleines Mädchen mit einer Puppe. Die Interpretation der Geheimsprache folgt auf den Fuß: "Die Puppe starrt sie an! Britney wird beobachtet und sitzt in der Falle." Ein Foto, das sie mit ausufernden Henna-Tattoos am ganzen Körper zeigt, hat sie mit der Bildunterschrift "Huch, was macht meine Hand an der Hüfte? Ich schreie wohl nach Aufmerksamkeit" versehen. Ein Verehrer analysiert glasklar: "Ihr sucht noch nach Zeichen, wenn sie euch buchstäblich sagt, sie schreit nach Aufmerksamkeit?"



Auch Blumen spielen eine wichtige Rolle im Code: Gerne schlagen Fans Britney in Kommentaren vor, sie soll Blumen posten, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Wenn sie dann wie zuletzt gleich dreimal hintereinander ein Bild mit Blumenkranz postet, ist das aufgeregte Hallo natürlich groß. Dass es auch User gibt, die trocken kommentieren: "Sie postet doch praktisch nur Blumen!" - geschenkt. Auffallend ist auch, dass einige Fans meinen, dass die Postings gar nicht von Britney Spears stammen, es seien alte, die ihre Zellenwärter ausspielen, um Normalität vorzuspiegeln und um so zu tun "als hätte sie Zugang zu ihrem Handy". Dass es dann wiederum wenig Sinn machen würde, nach geheimen Signalen von Britney zu suchen, dieser Logikschritt kommt irgendwie abhanden.

Zwölf Jahre Vormundschaft

Den Schlüssel zu Spears’ Gefängnis soll ihr Vater Jamie haben. Denn der Hintergrund der bizarren Entwicklung ist schon ein handfester: Vor zwölf Jahren wurde Jamie Spears zum vorübergehenden (!) Vormund seiner Tochter bestellt. Das war die Folge jenes fatalen Friseurbesuchs, bei dem sich die Sängerin nicht ganz nüchtern all ihrer Kopfhaare entledigte. Wegen eines Sorgerechtsstreits dürfte sie den Drogen anheimgefallen und neben die Spur geraten sein. Nach dem Vorfall wurde sie in die Psychiatrie eingewiesen und ihr Vater wurde Sachwalter. Warum er das nach zwölf Jahren - Spears ist jetzt 38 Jahre alt - noch immer ist, obwohl sie längst wieder eigenständig Alben aufgenommen hat, aufgetreten ist, ja sogar in einer Casting-Show jurierte, erscheint nicht wenigen merkwürdig. Im Vorjahr sagte sie alle Konzerte einer geplanten Las-Vegas-Show ab - und da begann es, den Fans verdächtig zu dämmern. Sie glauben nicht, dass ihr damaliger Psychiatrieaufenthalt freiwillig war. Und sie glauben nicht, dass sie wieder nach wenigen Wochen entlassen wurde. Außerdem werfen sie dem Vater vor, er habe sie unter Medikamente gesetzt. Er weist natürlich jegliche Vorwürfe von sich - aber selbst US-Rechtsexperten finden, dass die Vormundschaft seltsam lang ausfällt. Ein ehemaliger Fotograf von Spears, Andrew Gallery, las im Juli 2020 aus einem Brief vor, den ihm Britney bereits 2009 gegeben haben soll, um ihn an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Darin soll Spears beschreiben, dass sie gezwungen werde, nicht zu verraten, was wirklich mit ihr geschehe.

Ende August soll die Vormundschaft - die Vater Jamie übrigens aus gesundheitlichen Gründen schon abgegeben hat - neu verhandelt werden. Zumindest bis dahin wird dieser Krimi also weiter zu verfolgen sein.

Viele Gelbschattierungen

Eine besondere Bedeutung hat übrigens die Farbe Gelb im Code Britney. So wie bei den Vorschlägen, Blumen als Signal zu posten, wird von den Fans auch die Farbe Gelb als Chiffre angeboten. Tatsächlich trägt Spears dann ein gelbes Top - als Antwort? Am Freitag folgten dann zwei Beiträge, die direkt die Farbe Gelb adressierten. "Gelb ist meine Lieblingsfarbe", schrieb sie zu einem Foto mit sonnenfrischem Bauchfrei-Blüschen. Und schoss eine Erklärung nach, in der sie die vielen Bedeutungen der Farbe auflistete.




Die aufmerksamen Verehrer, nicht faul, stellten gleich fest, dass eine Bedeutung fehlt: Gelb stehe ja auch für Gefahr. Gelb steht auch für Erleuchtung - und dafür, dass "einem ein Licht aufgeht", übrigens. Die Zeichen sind da, man muss sie nur verstehen!

Manchmal sind Fans wirklich nicht zu beneiden. Aber: Allerweil besser als Coronaverschwörer sind Britneyretter jedenfalls. Die sind vielleicht wirklich etwas auf der Spur!