Manchmal erscheint er stimmlich wie ein Wiedergänger des großen Alex Chilton. In harmonischeren Momenten könnte er wiederum gut als Andrew Bird durchgehen. Und trotzdem wäre es unsagbar absurd, ihm einen "Klingt wie ..."-Rucksack umzuhängen. Denn mehr Individualismus als bei Daniel Blumberg ist im Pop schlechtweg unvorstellbar.

Seine Musik ist durch und durch um sich selbst zentriert und weltvergessen(d). Das heißt nicht, dass nicht beiläufig vertraute Stilmittel wie Folk, Blues, Jazz und Post-Rock durchklingen können, aber sie tauchen alsgleich wieder ab in ein brodelndes, von Intensität und unbändigen Emotionen angefachtes Klanggebräu.

Manischer Furor

Diese Musik entsteht auch nicht unter üblichen Pop-Bedingungen der mehr oder weniger hermetisch gefertigten Komposition und planmäßigen Produktion von Songs, sondern aus dem Geist der Improvisation heraus: kreist, mäandert und irrlichert um grob skizzierte Strukturen, gräbt sich ein, verfällt in manischen Furor.

Blumbergs neues Opus "On&On" weist allerdings ein leitmotivisches Momentum auf, indem der das Album eröffnende Titelsong im Folgenden noch drei Mal in unterschiedlicher Form wiederkehrt: als Fragment, als Meditation und schließlich als sonischer Aufruhr, der letztlich in sich zusammenfällt. Mit jeder Variation kommt im Titel ein "&On" hinzu, was assoziativ auf eine imaginäre Fortsetzung jenseits der 39 Minuten Spielzeit verweist und, indem es suggeriert, dass nicht alles gesagt wurde, was gesagt werden hätte können, wiederum den Charakter der Improvisation betont.

"On&On" ist das zweite Album, das der knapp 30-jährige Brite Daniel Blumberg unter eigenem Namen aufgenommen hat. Das erste war 2018 das von der Kritik euphorisch bejubelte "Minus", eine düstere, eindringliche, im Grundton eher introspektive Platte mit dissonanten Schüben. Beide sind, jeweils von Scott-Walker-Produzent Peter Walsh an den Reglern dirigiert, eigentlich nicht wirklich Soloalben, sondern Akte hochkarätiger Interaktion zwischen dem Sänger, Gitarristen, Pianisten und Mundharmonikabläser Blumberg und seinen Begleitern: der deutschen Cellistin Ute Kanngiesser, Tom Wheatley am Kontrabass, Billy Steiger, Violine, und Jim White an den Drums.

Vor diesen beiden LPs liegt eine ereignisreiche künstlerische Vita. Als schnuckeliger, wie eine Kreuzung aus frühem Martin Gore (Depeche Mode) und David McComb (The Triffids) aussehender Lockenkopf spielte Blumberg mit dem Quartett Yuck in den frühen Zehnerjahren treibenden Indie-Rock. Mit Musikern von Lambchop kaprizierte er sich mit der Formation Oupa auf empfindsame Piano-Balladen. Low, mit denen er 2013 tourte, dürften ebenso Einfluss auf sein Projekt Hebronix genommen haben wie die frühen Dakota Suite.

Tod und Teufel

Mit dem Saxofonisten Seymour Wright produziert er im Duo GUO, salopp gesagt, dissonanten Krach. Daneben betreibt er mit der Extrem-Sängerin Elvin Brandhi das Duo BAKH. Und überdies hat sich Blumberg einen Namen als Schöpfer bisweilen recht lustiger Strichzeichnungen gemacht.

Das Haar mittlerweile millimeterkurz gestutzt, sieht Blumberg heute viel strenger aus als früher - eine optische Entsprechung seiner künstlerischen Rigorosität. Und von allen seinen Werken, die in irgendeiner Weise mit Pop zu tun haben, ist "On&On" gewiss das bisher radikalste. Im Titelsong, der mit den Zeilen "Take a man out for a walk / holding his hand / Some of us have second thoughts / and some of us understand" beginnt, zerstört ein Lärm, der nach lautem Pumpern gegen eine Tür klingt, eine zunächst freundliche Stimmung. In "Sidestep Stummer" treiben sich eine grobe Gitarre, eine kratzige Violine, ein schleifendes Cello und Blumbergs taumelnde Stimme zu immer spektakuläreren Höhepunkten an Disharmonie.

Und "Silence Breaker" übertrifft überhaupt alles, was selbst avancierten Hörern bisher in einem Pop-Kontext zugemutet worden ist: Zu einem wie betäubt anmutenden Zeitlupen-Takt mit aufsässigen fernöstlichen Einsprengseln erhebt sich im Hintergrund die Stimme von Elvin Brandhi, um wortlos Unruhe und Aufruhr zu stiften, Tod und Teufel zu beschwören.